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Kai Meyer 2 2013


Kai Meyer dürfte den meisten Lesern ein Begriff sein, denn mit über 50 veröffentlichten Büchern aus verschiedenen (Sub-)Genres und vor verschiedenen Hintergründen ist sicherlich für nahezu jeden Geschmack etwas dabei. Im Carlsen-Verlag ist nach seiner "Arkadien"-Trilogie kürzlich sein neuestes Werk mit dem Titel "Asche und Phoenix" erschienen und ich habe es mir nicht nehmen lassen, dem Autor am 15.03.2013 auf der Leipziger Buchmesse einige Fragen dazu zu stellen.


Lieber Kai, ich freue mich, dass du dir im Messetrubel Zeit für ein Interview nimmst. Erst mal herzlichen Glückwunsch zum Seraph, den du gestern gewonnen hast! Das war bestimmt spannend.

Ich war total überrascht. Es wäre spannend gewesen, wenn ich damit gerechnet oder darauf gehofft hätte, aber ich war der festen Überzeugung, dass ich ihn nicht bekomme – einfach weil ich dachte, dass wahrscheinlich jemand gewinnen wird, der noch nicht so viel veröffentlich hat. Aber es war toll, ich hab mich sehr gefreut, war aber auch völlig überrumpelt davon.


Dann macht es wahrscheinlich gleich noch mehr Spaß!
2009 hast du mir in einem Interview gesagt, dass "erfahrungsgemäß die Bücher, die wir in unserer Kindheit lesen, diejenigen sind, an die wir uns am längsten erinnern können und die uns am meisten beeinflussen." Welche Bücher haben dich beeinflusst?

Zum einen ganz klassisch "Der Herr der Ringe", aber auch viele weniger bekannte Sachen. Gar nicht die Klassiker wie Astrid Lindgren, sondern obskure Science-Fiction- und Fantasy-Romane, die ich als Kind gelesen habe und die zum Teil gar nicht für mein Alter gedacht waren. Wir reden jetzt vom Ende der 70er, Anfang der 80er, als es den ersten Fantasy-Boom gab. Ich hab damals sehr, sehr viel von dem gelesen, was auf den Markt kam. Damals war das alles ja noch viel überschaubarer. Man konnte zwar nicht alles, aber doch sehr vieles lesen, und in dem Alter waren all die Bücher auch viel prägender für mich als die Dinge, die ich heute lese. Ich kenne auch heute noch diese ganzen Bücher zumindest vom Cover her, kann die meisten den Verlagen zuordnen, also den ersten Fantasy-Reihen bei Bastei, Heyne, Pabel und Goldmann. Ich vermute, das geht vielen Fans in meinem Alter so.


Du selbst hast schon über 50 Büchern geschrieben. Ist das irgendwann Routine oder ist jedes Buch wieder ein Abenteuer, eine Herausforderung?

Es muss eine Herausforderung bleiben, sonst würde ich mich ja zu Tode langweilen. Es ist bei mir auch ganz bewusst so, dass ich – das klingt ein bisschen albern – diese Herausforderung suche, also versuche, immer wieder etwas Anderes, etwas Neues zu machen. Das ist auch der Punkt, warum ich so viele unterschiedliche Bücher und so viele unterschiedliche ... vielleicht nicht Genres, aber Themen bearbeitet habe, variierende historische Hintergründe und Mythologien.


Mal tauchst du in 1001 Nacht ab, dann geht es nach Sizilien oder ins alte China. Suchst du bewusst die Abwechslung? Beispielsweise ist 1001 Nacht nicht das typische Setting, sondern schon ein bisschen außergewöhnlich, was es auch wieder Besonders macht.

Das ist das, was ich gerade meinte: Dass ich versuche, immer wieder neue Schauplätze und Szenerien zu finden. Als ich die Wellenläufer-Trilogie geschrieben habe – die vor dem Hintergrund der Karibik-Piraten spielt –, und das war noch vor den Johnny Depp-Filmen, wurde mir gesagt "Aber Piraten! Das kauft kein Mensch, das will niemand haben."
Danach kam das alte China in der Wolkenvolk-Trilogie – und damals hätte ich stattdessen fast eine 1001-Nacht-Trilogie geschrieben. Das war ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen diesen beiden Themen. Ich hab mich im Jugendbuch für China entschieden und später eine 1001-Nacht-Geschichte als Fantasy für Erwachsene geschrieben.


Gerade beim Wolkenvolk finde ich spannend, dass die Bücher auch als Comic adaptiert worden ist. Hast du da eigentlich ein Mitspracherecht?

Ja. Bei den Comics ist es so, dass ich Yann Krehls Manuskript sehe, aber kaum etwas daran ändere. Die Zeichnungen sehe ich als Skizzen, dann im Bleistiftstadium und schließlich koloriert. Außerdem legt mir der Zeichner, Ralf Schlüter, die Entwürfe der Figuren vor, damit ich sie absegnen kann – wobei es da nicht viel gab, das ich wirklich beanstandet hätte. Mir fällt keine Gelegenheit ein, bei der ich mal gesagt hätte "Das geht gar nicht", sondern ich war im Gegenteil immer sehr überrascht – sowohl beim Wolkenvolk, wie auch damals beim Wellenläufer-Comic –, wie genau die Zeichner die Stimmung getroffen haben, die ich in den Büchern haben wollte. Stimmung kann in dem Fall auch über Kostüme, Schauplätze und so weiter erzeugt werden. Beim Wolkenvolk gilt das auch für die Landschaften. Dass Ralf sie meist genauso zeichnet, wie ich sie noch vage in Erinnerung habe – bei mir ist das ja auch schon einige Jahre her – finde ich faszinierend. Da merkt man, dass er in ähnliche Bildbände schaut und sich mit China ein bisschen auskennt; anhand der Beschreibungen im Buch weiß er meist gleich, was ich meinte und auf welche Region ich mich bezogen habe.


Insbesondere bei China, dem Orient, aber jetzt auch Frankreich steckt wahrscheinlich auch viel Recherche im Hintergrund. Betreibst du auch Recherche vor Ort oder erkundest du mit Hilfe von Google Streetview deine Schauplätze?

Sowohl als auch. Für die "Arkadien"-Trilogie war ich auf Sizilien und für "Asche und Phoenix" an der Côte d'Azur – ich bin die Strecke abgefahren, die auch die Figuren nehmen  –, aber ich war nie in China oder in der Karibik. Das war auch nicht unbedingt nötig. Gerade bei Geschichten, die in einer historischen Epoche spielen, ist es meist nicht so sinnvoll, weil sich so viel verändert hat. "Asche und Phoenix" dagegen spielt heute an der Côte d'Azur und "Arkadien" in der Gegenwart auf Sizilien. Da kann eine Reise hilfreich sein. Zusätzlich nutze ich aber durchaus auch mal Streetview.


Kai Meyer 3 2013"Asche und Phoenix" ist dein aktuelles Buch. Was erwartet den Leser in dieser Geschichte?

Es ist die Geschichte eines Teufelspakts, in dem der Preis auf beiden Seiten Ruhm ist. Der Mensch wird berühmt und der „Teufel“ – eigentlich nicht der Teufel, nur ein Teufel – ernährt sich wiederum von diesem Ruhm. Er verhilft Menschen zum Erfolg und zehrt zugleich davon wie ein Parasit.


Ich hoffe, bei dir steht aber kein Libatique im Hintergrund, um sich von deinem Ruhm zu nähren?

Ich bin nicht berühmt. Wir sprechen ja hier von Hollywood-Ruhm im Stil eines Tom Cruise oder von mir aus auch Robert Pattinson. Schriftsteller – mit wenigen Ausnahmen wie J.K. Rowling – werden nur selten auf der Straße erkannt. Das ist auch ganz gut so.


"Asche und Phoenix" ist ein sehr brutales und teilweise blutiges Buch. Auch wenn du in anderen Werken ebenfalls nicht gerade zimperlich warst, ist es mir bei "Asche und Phoenix" besonders aufgefallen. Hat die Geschichte diese harte Gangart von dir verlangt?

Für mich ist es fast ein Horror-Roman. Ich mag das Horror-Genre sehr, es ist wahrscheinlich mein Lieblings-Genre, und das merkt man "Asche und Phoenix" an. Ich finde auch, wenn man Fantastik mit einem modernen Setting kombiniert, dann wird es sehr schnell Horror. Das, was heute unter Urban-Fantasy läuft, hätte man vor 20 Jahren zu 80 Prozent als Horror-Roman verkauft, also diese ganzen Vampir-, Werwolf-, Etc.-Geschichten. Und das ist bei "Asche und Phoenix" ähnlich. Wenn man fantastische Elemente in unseren modernen Alltag setzt, dann ist es sehr schnell keine Fantasy mehr, sondern geht schon in eine unheimliche Richtung. Horror ist ja nicht nur „Saw“, sondern auch „Dracula“ und „Wenn die Gondeln Trauer tragen“. Horror bedeutet nicht nur Splatter, sondern auch klassische Gespenstergeschichten oder Hybriden wie etwa „Pan´s Labyrinth“. Das ist eine Bandbreite, in der ich mich sehr wohl fühle.

Es gibt in dem Buch eigentlich nur zwei, drei Szenen, die etwas blutiger sind. Das eine ist die Szene, in der Guignol auf die Wachhunde trifft – das fand ich nur folgerichtig, denn das Problem war natürlich, ihn loszuwerden, und das ging nur auf eine sehr physische Weise. Und dann gibt es noch die Szene, in der Libatique gegen die Hunde kämpft. Da ging es mir nicht um Blut, sondern darum, ein möglichst bizarres Bild zu erschaffen, das Libatique zugleich charakterisiert: Deshalb zieht er sich zwei der Hundekadaver wie Handpuppen über die Arme, belebt sie wieder und bekämpft mit ihnen die übrigen Tiere. Ich fand das Bild einfach stark – gerade um zu zeigen, dass Libatique, der rein äußerlich ein feiner, älterer Herr im weißen Anzug ist, auch ganz anders kann. Dass er eine Seite hat, die man ihm auf den ersten Blick nicht ansieht. Später taucht Guignol wieder auf – oder das, was von ihm übrig ist – und musste ganz zwangsläufig so aussehen, wie er eben aussieht.


Eine weitere interessante Figur ist Ash, die sehr gerne mit einer Polaroid-Kamera fotografiert und die Bilder beispielsweise an die Wände von U-Bahn-Stationen klebt. Wie kommst du darauf, eine Figur mit einem so ungewöhnlichen Charakterzug auszustatten?

Ich versuche, bestimmte Eigenschaften bis in die letzte Konsequenz zu treiben. Ash ist jemand, der gerne unsichtbar wäre. Sie möchte am liebsten niemanden kennen und von niemandem gekannt werden, aber sie hat natürlich trotzdem – wie jeder Mensch – ein gewisses Kommunikationsbedürfnis. Ich habe überlegt, wie sie mit anderen Menschen kommunizieren könnte, ohne direkt mit ihnen zu sprechen. So bin ich auf die Fotos gekommen. Sie macht überall Polaroids und hinterlässt sie an allen möglichen Orten, klebt sie in die Gänge von U-Bahn-Stationen und in Hinterhöfe. An einer Stelle sagt sie: "Das ist wie reden, nur besser".


Was ich auch sehr interessant finde ist, dass das Böse in dem Buch nach Vanille riecht – wenn auch durchmischt mit Fäulnis. Wie kommst du ausgerechnet auf Vanille?

Guignol ist unter anderem Libatiques Chauffeur, und man kennt ja diese fürchterlichen Duftbäumchen, die es an Tankstellen gibt ... Die meisten Leute benutzen sie zum Glück nicht mehr, aber bis vor ein paar Jahren hingen sie immer noch in vielen Taxen, und ich fand das immer ganz grauenvoll; mir wird sofort schlecht, sobald ich so ein Vanille-Bäumchen rieche. Und ich dachte mir: was tut jemand wie Guignol, der langsam verfault, gegen den Geruch, wenn er in einem Auto sitzt? Und jemand, der hauptsächlich auf der Straße lebt, fährt wahrscheinlich an eine Tankstelle, kauft sich diese Duftbäumchen und steckt sie in alle seine Taschen.


Parker Cale braucht die Öffentlichkeit, das Ansehen der Fans und Medien. Wie ist das bei dir? Genießt du die Öffentlichkeit – beispielsweise bei Lesungen auf Buchmessen – ebenso sehr? Macht es dir Spaß, als Autor auch mal rauszukommen?

Ab und an macht es mir Spaß, aber ich muss es nicht ständig haben. Deshalb mache ich auch gar nicht so viele Lesungen; in der Regel nur eine Lesereise pro Jahr für eine Woche und dann eben noch vereinzelte Veranstaltungen und eben die beiden Buchmessen.
Das mag ich, weil vom Publikum auch viel zurück kommt und man als Autor da eine gewisse Bestätigung erhält. Und mal rauskommen kann auch nicht schaden. Wie alle Autoren sitze ich vor allem allein Zuhause und schreibe.


Morgen und am Sonntag liest du auf der Fantasyinsel aus deinem neuen Buch. Bist du vor solchen Veranstaltungen nervös?

Normalerweise nicht mehr. Gestern war ich tatsächlich ein wenig nervös, als ich den Seraph entgegen genommen habe. Aber erst als ich vorne stand, vorher gar nicht. Weil ich ja dachte, dass ich ihn nicht bekomme, hab ich ruhig am Rand gestanden und erst im Laufe der Laudatio allmählich geahnt, dass es auf mich hinauslief. Während Christian von Aster seine Rede hielt, dachte ich "Oh, na mal abwarten". Als ich schließlich vor den Leuten stand, hatte ich nichts vorbereitet, und das war dann schon ein bisschen merkwürdig. Aber ansonsten bin ich eigentlich nicht nervös bei Auftritten.


Apropos: Im August trittst du gemeinsam mit ASP beim M'era Luna auf. Wie ist es dazu gekommen?

ASP hat mich vor Jahren mal angeschrieben, weil er meine Bücher gerne gelesen hat – oder immer noch gern liest. Seitdem waren wir in Kontakt, haben uns angefreundet und dann war die Überlegung, was wir mal zusammen machen könnten. Das M'era Luna ist natürlich ganz klar sein Bereich, ich war da noch nie und kannte es auch nur vom Namen her, und bin jetzt ziemlich erstaunt, wie viele Leute mich darauf ansprechen. Ich hatte keine Ahnung, wer da alles hinfährt, auch von meinen Freunden und Bekannten.
Ich freue mich jedenfalls drauf. Ich bin gespannt, wie es laufen wird, und es wird Zeit, dass wir das Ganze mal konkreter planen. Ich werde wohl aus der "Alchimistin" und aus „Arkadien“ lesen und ASP macht natürlich auch ... etwas. Außerdem haben wir aber auch noch eine Zusammenarbeit darüber hinaus in Planung.


Dann lassen wir uns mal überraschen.
Bei "Asche und Phoenix" handelt es sich um einen Einzelband. Du schreibst aber ebenso Trilogien bzw. Mehrteiler. Gibst du einem von beidem den Vorzug?

Ich habe eine Menge abgeschlossene Romane geschrieben, bevor ich die erste Trilogie veröffentlicht habe, und im Moment sitze ich wieder an einem Einzelroman. Das hat beides sein Für und Wider. Die Trilogien haben den Vorteil, dass ich breiter und epischer erzählen kann, die Drei-Akt-Struktur hat auch dramaturgische Vorteile. Aber gerade genieße ich es wieder sehr, kürzere Geschichten zu schreiben. Kürzer heißt: Vierhundert bis fünfhundert Manuskriptseiten.


Diese Drei-Akt-Struktur hast du in "Asche und Phoenix" ja auch angewandt.

Ja, unter anderem weil es der klassische Film-Aufbau ist. Beim Thema von "Asche und Phoenix" war das nur naheliegend.


Jetzt hast du gerade schon gesagt, dein nächstes Buch wird ebenfalls ein Einzelroman. Worauf dürfen wir uns denn freuen?

Es ist die Geschichte eines Weltuntergangs. Sehr apokalyptisch, aber auf keinen Fall eine Dystopie. Ich bin ziemlich sicher, dass die Welt auf diese Weise noch in keinem Roman oder Film untergegangen ist.


Kai Meyer 1 2013Liest du eigentlich ab und zu auch mal einen deiner eigenen, früheren Romane? Hast du dabei ein Lieblingsbuch?

Es gibt natürlich ein paar Bücher, die ich besonders mag. Die habe ich aber ebenso wenig noch mal gelesen wie die meisten anderen, ich mag also eher meine Erinnerung daran. Ich hänge sehr an "Das zweite Gesicht", sehr an den drei Alchimistin-Romanen, an "Arkadien" auf jeden Fall – aber mir würden wahrscheinlich noch fünf oder zehn andere einfallen, wenn ich weiter überlege. „Die Fließenden Königin" ist sicher auch eines meiner Lieblingsbücher, weil sie für mich Neuland und ein großer Schritt nach vorne war.


Gibt es eigentlich Phasen, in denen du keine Buchstaben mehr sehen kannst und einfach mal nicht mehr schreiben möchtest?

Jeden Tag. Aber ich bin diszipliniert genug, um mich dann trotzdem hinzusetzen und zu schreiben – jedenfalls in den meisten Fällen – und wenn ich einmal angefangen habe, dann läuft es nach zwei, drei Seiten auch und macht in der Regel Spaß.


Lieber Kai, ich freue mich schon sehr auf dein neues Buch, wünsche dir viel Spaß bei den Lesungen hier auf der Messe und im August mit ASP und danke dir ganz herzlich für das Interview!

Sehr gerne!


Kai Meyer hat der Leser-Welt bereits 2009 einige Fragen beantwortet, das Interview kannst du hier nachlesen.

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