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Nach Diktatur und Bürgerkrieg geht der südamerikanische Staat Nascencio neue Wege und will den Dschungel urbar machen. Den Zuschlag bekommt das japanische Unternehmen Seshimo. Als dessen junger Präsident, Yuji Seshimo, das Gebiet inspizieren will, wird er entführt.

Was steckt dahinter? Die US-Agrar-Lobby, die einen künftigen Konkurrenten ausschalten will? Ein letztes Aufbäumen der Parteigänger des Diktators? Eine Intrige im Hause Seshimo selbst?

Yujis Bruder Kenichi macht sich auf nach Südamerika …

Ein früher Action-Thriller des Meisters

 

Enemigo 

Originaltitel: Enemigo Complete Edition
Autor: M.A.T.
Illustration: Jiro Taniguchi
Verlag: Schreiber & Leser - shodoku
Erschienen: März 2013
ISBN: 978-3-943808-10-0
Seitenzahl: 296 Seiten
Altersgruppe: ab 16 Jahren (Empfehlung des Rezensenten)

Hier geht's zur Leseprobe


Die Grundidee der Handlung
Zum Inhalt selbst möchte ich der Verlagszusammenfassung nichts mehr hinzufügen, da sie recht ausführlich ausfällt und jedes weitere Wort die Spannung beim Lesen nehmen würde.

Jiro Taniguchi hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass seine Wurzeln nicht bei den japanischen Altmeistern des Manga liegen, sondern bei westlichen Größen des franko-belgischen Comics wie Schuiten, Giardino oder Moebius. In Enemigo, welcher Taniguchis frühen Schaffensperiode der 80er Jahren angehört, erstaunte mich allerdings, wie kräftig sich Taniguchi damals noch aus fremden Töpfen bediente und wie wenig, oder besser gesagt nichts, von jenem besonderen Stil vorhanden ist, den man heute überall auf der Welt bei ihm schätzt. Dass mich hier ein Abenteuer-/Action-Plot erwarten würde, war mir schon klar, nur hoffte ich auf eine gewisse Tiefe in Handlung und Charakterisierung. Leider kann Enemigo mit nichts weiter dienen als einer mehr als dünnen Rahmenhandlung und darüber hinaus Nahkämpfe und Schießereien en masse, dabei jagt ein Klischee das nächste. Unabhängig, ob man diesen Comic inhaltlich nun gut findet oder nicht, ist er für eingefleischte Taniguchi-Fans natürlich ein unverzichtbares, dazu noch wertvoll aufgemachtes Sammlerobjekt. Alle anderen gewinnen die interessante Erkenntnis, dass auch ein Jiro Taniguchi erst einmal bescheiden, mittels munterem kopieren fremder Ideen anfangen musste, bevor er zu seiner wahren Größe und Genialität fand.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Der zeichnerische Stil Taniguchis aus den frühen Achtzigern unterscheidet sich vom heutigen auf den ersten Blick kaum, was natürlich für den japanischen Künstler spricht. Er ist realistisch und klar, mit sauber, ja schon penibel dargestellten Hintergründen und weist (wie schon gesagt) eine viel stärkere Ähnlichkeit zum franko-belgischen als zum japanischen Comic auf. Dass er dabei ganze Sequenzen oder auch mal einen Charakter bei seinen westlichen Kollegen „stiehlt“, darüber sehen besagte Herren heute wohlwollend hinweg und geben sich geschmeichelt (s. Anhang).

Seine Figuren zeichnet er mittelgroß mit Hang zur Leibesfülle, große schlanke Gestalten sieht man hier nicht, was an ihrer japanischen und südamerikanischen Herkunft liegen mag. Deutliche Schwächen offenbaren sich in den Gesichtern der überwiegend männlichen Charaktere. Diese sind noch nicht so fein akzentuiert, wie man dies erwarten sollte, um den großen Personenkreis leicht voneinander unterscheiden zu können. Und die einzige weibliche (Haupt-)Person hat absolut nichts Weibliches an sich. Ihr Rücken ist so breit wie der eines Mannes und ihre Gesichtszüge grobschlächtig. In einem Seinen bzw. Gekiga Manga (Zielgruppe erwachsene männliche Leser) sollte man wenigstens ein bisschen mehr Weiblichkeit und Kurven erwarten dürfen.

Ein großer zeichnerischer Pluspunkt liegt in den atmosphärischen Landschaftsbildern, die in großen Panels und teilweise eingefärbt besonders schön zur Geltung kommen. Egal ob ein verschlafenes südamerikanisches Nest, in dem der rebellische Untergrund brodelt, verstaubte Sandpisten, über die der Jeep brettert, die Üppigkeit und Gefährlichkeit des Dschungels oder auf der anderen Seite New York mit seinen Hochhausschluchten, Bars und Apartments, Taniguchi versteht es mühelos, den Leser mit diesen Bildern sofort in die richtige Umgebung zu verpflanzen.

Eine weitere Stärke liegt in der Dynamik der Bilder bei Kampf- und Actionszenen, die hauptsächlich aus Martial Arts und Schießereien bestehen. Mit Bewegungslinien und der Situation immer wunderbar angepassten Körperhaltungen kann man dem Geschehen leicht folgen. Andererseits muss auch gesagt werden, dass der Daumen generell sehr locker am Abzug sitzt und es hier ohne große Gewissensbisse Blutvergießen und Tote zuhauf gibt, weshalb der Manga nur für ältere Jugendliche und Erwachsene zu empfehlen ist. Den besten Einfall überhaupt hatte das Autorenteam M.A.T. zweifelsohne mit Little John, einem gefleckten, rassigen Kampfhund. Für mich persönlich der eigentliche Star in Enemigo und der einzig wirklich sympathische Charakter.

Die unterschiedlich großen Panels sind in japanischer Leserichtung von rechts nach links angeordnet und stets klar voneinander getrennt. Selbst mit teilweise schrägem Zuschnitt und begleitet von diversen Soundwords, deren Übersetzung in Großbuchstaben daneben gesetzt wurde, dürften sie ungeübten Mangalesern keine Probleme bereiten. Der Text in den Sprechblasen ist ebenfalls in seiner Größe optimal zum schnell weg lesen.


Aufmachung des Manga
Es handelt sich hier um eine sehr edel verarbeitete, fadengebundene Klappenbroschur mit einigen Farbseiten am Kapitelanfang sowie einem besonders umfangreichen Bonusteil. Die Einleitung bildet zunächst ein zweiseitiges Vorwort von Jiro Taniguchi. Die ‚Gallery‘ im Anhang besteht dann aus einem Nachwort von Nicholas Finet, persönlichen Worten über den jap. Künstler verfasst von seinen Idolen Vittorio Giardino, Francois Schuiten und Baru und schließlich einem von Nicholas Finet geführten Interview mit Taniguchi. Dazwischen warten viele, teils farbige Bonusillustrationen zu Enemigo.

Die Coverillustration täuscht mit dem in lässiger Pose sitzenden Hauptcharakter einen eher ruhigen, ernsten, auf jeden Fall intelligenten Inhalt vor. Die Pistole in seiner Hand fällt auf den ersten Blick gar nicht auf. Auf der schwarz grundierten Rückseite ist die Inhaltsangabe in Weiß abgedruckt, rechts davon sieht man Kenichi Seshimo nochmal in ähnlich lässiger Haltung, nur diesmal stehend, eine Zigarette qualmend und die Hände in den Hosentaschen vergraben. Damit lässt die Covergestaltung bedauerlicherweise nur wenige Rückschlüsse auf den Inhalt zu.


Fazit
Enemigo gehört zu Jiro Taniguchis Frühwerken, weshalb man seine Erwartungen deutlich herunterschrauben sollte, um nicht enttäuscht zu werden. In der Aufmachung gab sich der Verlag zwar mit fadengebundener Klappenbroschur und umfangreichem Bonusteil viel Mühe, was Sammlerherzen zweifellos höher schlagen lassen wird, alle anderen werden hier jedoch nur wenig von dem wiederfinden, was sie an Taniguchis späterem Werk schätzen.

 
2 Sterne


Hinweise
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