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Nach dem „Kälberstrick“ ein neuer Fall für das skurrile Ermittlertrio aus Enzheim.

September 1841: Das Getreide ist eingefahren und alle Dorfbewohner feiern ausgelassen die „Sichelhenke“. Nur einer fehlt: der Bauer Läpple. Bald darauf findet man ihn – mit der eigenen Sichel in der Brust. Kriminalpolizei und Kriminaltechnik sind noch nicht erfunden und die hohe Obrigkeit weit weg. Also muss die dörfliche Dreifaltigkeit aus Schultheiß, Pfarrer und Lehrer ran. Was weiß Anna Läpple? Was verheimlicht die Magd Frieda? Und was hat der Hilfspolizist Gottlob Vorderlader auf dem Kerbholz? Mit Bauernschläue und Humor lösen die drei selbsternannten Detektive den Fall, obwohl sie eigentlich mit der schlechten Weinernte und den Vorbereitungen zum 25-jährigen Thronjubiläum König Wilhelms I. schon genug zu tun haben.

 

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Autor: Gerd Friederich
Verlag: Silberburg
Erschienen: März 2012
ISBN: 978-3842511859
Seitenzahl: 224 Seiten

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Die Grundidee der Handlung 
In der kleinen Stadt Enzheim, wo praktisch jeder jeden kennt, ist ein Mord geschehen. Bauer Läpple - von dem gemunkelt wird, dass er gegen Wucherzinsen Geld verleiht – wird mit einer Sichel in der Brust tot aufgefunden. Da er auch ein bekannter Schürzenjäger war, gibt es gleich mehrere Motive und Tatverdächtige. Laut Bürgermeister Fritz Franks Meinung ist aber "[…] die ganze Polizei in Württemberg ein lahmer Haufen“. Deshalb übernimmt er, mit Unterstützung des Pfarrers und des Lehrers, persönlich die Ermittlungen.

Gerd Friederich, selbst im Tal der Enz geboren, zeigt seinem faszinierten Publikum das ländlich-sittliche Leben seiner Landsleute Mitte des 19ten Jahrhunderts und hat dabei buchstäblich „dem Volk auf´s Maul geschaut“.


Stil und Sprache
„Sichelhenke“ ist der zweite Enzheim-Krimi des Autors, man muss den Vorgänger „Kälberstrick“ aber nicht kennen, um die Handlung zu verstehen. Der Autor erzählt sie in der Gegenwartsform (Präsens), sodass der Leser - als Beobachter von außen - stets nahe am Geschehen ist. Meistens begleitet er Schultes (Bürgermeister) Fritz Frank bei seinen vielfältigen Geschäften, sowohl den privaten als Familienoberhaupt, Weinbauer und Wirt, als auch den amtlichen als langjähriger Ortsvorsteher und Verantwortlicher für das Wohl und Wehe seiner Gemeinde. Dabei erfährt man - ganz nebenbei - eine Menge Wissenwertes über das Leben um 1840 im Königreich Württemberg, denn immer wieder sind interessante Erklärungen und Beschreibungen des damaligen Alltags eingestreut: von der Arbeit in Haus, Feld und Weinberg; dem Lohn, der Knechten, Mägden und Tagelöhnern an Martini zusteht; der Besetzung einer Schulmeisterstelle; dem Kirchenzehnten oder der „Verordnung über metallenes Koch- und Essgeschirr“, die die drei Enzheimer Wirte in Rage bringt. Das alles entwickelt sich aber stets aus der Handlung heraus, ohne aufgesetzt oder gar belehrend zu wirken. Der Mordfall tritt dabei zeitweise etwas in den Hintergrund, läuft aber als roter Faden immer mit. In Enzheim geht eben alles etwas ruhiger und gemütlicher seinen Gang.

Der besondere Reiz dieses Buches aber liegt in der Verwendung der schwäbischen Mundart. Das mag auf den ersten Seiten etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber man liest sich schnell ein und gerade dadurch wird „Sichelhenke“ so authentisch und interessant. Allein schon der Titel macht den Leser neugierig. Pfarrer Abel und Lehrer Wilhelm sprechen „nach der Schrift“ und der Herr Bürgermeister bemüht sich, es ihnen gleich zu tun, zumindest im Gespräch mit ihnen und wenn er „amtet“. Ansonsten spricht die Bevölkerung ihre gewohnte Sprache und die kommt eben auch mal deftig-derb zum Ausdruck, was sich auf Schwäbisch aber nicht nur netter liest, sondern das Gesagte viel mehr „auf den Punkt“ bringt, sodass eine Übersetzung ins Hochdeutsche dem Ganzen einfach zuviel von seinem Charme und der Situationskomik nehmen würde.


Figuren 
Gerd Friederich hat alle seine Figuren, bis in die Nebenrollen, sehr liebevoll und vielschichtig gezeichnet. Es sind lebendige Menschen, mit mancherlei Sorgen, aber auch kleinen Freuden, wie sie eben vor 170 Jahren alltäglich waren. Der Autor beschreibt ihre Charaktereigenschaften, ihre Stärken und Schwächen sehr einfühlsam und prägnant, der Leser kann sich ein gutes Bild von ihnen und ihrer jeweiligen Situation machen. 

Fritz Frank - Schultes (Bürgermeister), Weinbauer, Lindenwirt und reichster Mann von Enzheim - sorgt sich um das Wohlergehen seiner Mitbürger, rät und hilft, wo es nottut, kann aber auch durchgreifen, um Recht und Ordnung zu bewahren bzw. wieder herzustellen. Zusammen mit dem Pfarrer und dem Lehrer bildet er die anerkannte und respektierte „Dreifaltigkeit“ des Ortes.
Pfarrer Abel ist ein Seelenhirte, wie man ihn sich wünscht. Väterlich kümmert er sich um seine „Schäfchen“, spricht von der Kanzel auch mal ein Machtwort, hat aber großes Verständnis für die Sorgen und Nöte seiner Gemeinde und zu ihm „... haben die Männer sogar mehr Vertrauen, als zu ihrer Frau“.
Albert Wilhelm ist der Dritte im Bunde. Zwar steht er als Lehrer, Ratsschreiber und Dirigent des Kirchenchores im Dienste der Gemeinde – sowohl der städtischen, als auch der kirchlichen –, sodass Schultes und Pfarrer seine Vorgesetzten sind, aber durch seinen Fleiß und seine Zuverlässigkeit hat er sich ihren Respekt erworben. 


Aufmachung des Buches
Für das Titelbild wurde – exakt zu einer Szene des Taschenbuches passend - das Gemälde „Gestörte Nachtruhe“ von J.P. Hasenclever (1810-1853) verwendet. Einer Begriffserklärung des Wortes „Sichelhenke“ sowie einem Personenverzeichnis und einem Stadtplan von Enzheim folgen 28 datierte Kapitel. Die Handlung umfasst den Zeitraum vom Samstag 11. September 1841 – Donnerstag 11. November 1841. Der Anhang enthält ein kleines Wörterbuch der schwäbischen Mundart mit einer kurzen Einführung für „Nichtschwaben“. 


Fazit 
Gerd Friederich ist mit „Sichelhenke“ wieder ein überaus lesenswertes Stück Heimatgeschichte gelungen. Glänzende Recherche, verpackt in eine interessante, unterhaltsame, teils auch lehrreiche, aber niemals trocken-belehrende Handlung - ein Buch, von dem man sich noch ganz viele Nachfolger wünscht


5 Sterne


Hinweise
Dieses Buch kaufen bei: amazon.dealt

Backlist:
- Band 1: Kälberstrick

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