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Moral war ein Begriff aus einem vergangenen Jahrtausend. Was man haben wollte, musste man sich holen. Und wer bitte soll entscheiden, was ‚genug’ bedeutet? Verlass dich auf andere und du bist verlassen. Ich habe gehandelt.

Meine innere Stimme schäumte einen wahnsinnigen Monolog vor sich hin, aber das Flüstern im Hinterkopf wurde lauter: Es geht alles. Man darf sich dabei nur nicht erwischen lassen.

Georg ist erfolgreicher Versicherungsmakler. Er verkauft den Menschen Sicherheit. Doch der Selbstmordversuch seines Freundes Flammer wirft ihn selbst aus der Bahn. Die Suche nach dem Grund für den Selbstmordversuch wird für Georg eine Reise zurück in die gemeinsame Jugend. Als er erfährt, dass Flammers Freundin verschwunden ist, wird die Suche nach Antworten ganz schnell zur Suche nach Leben.

 

  Autor: Stefan Kalbers
Verlag: Ubooks-Verlag
Erschienen: September 2009
ISBN: 978-3-86608-118-5
Seitenzahl: 173 Seiten


Die Grundidee der Handlung

Flammers Selbstmordversuch misslang. Purer Zufall? Ein Mann, der sich zusammen mit seiner Frau in der Frühe aufmachte, Pilze zu sammeln, fand ihn an einem Baum baumelnd und rettete ihm kurzerhand das Leben. Georg erfährt von Flammers Vater von dem Übel. Flammer und Georg waren viele Jahre ihrer Jugend gute Freunde und auch später hielten sie sporadisch Kontakt.
Gemeinsam besichtigen Vater und Freund den Ort des Geschehens. Von einem Abschiedsbrief ist zunächst nichts bekannt. Ein Krankenhausbesuch bringt die Auswirkungen der Handlung ans Licht. Flammer ist bei Bewusstsein, jedoch wirkt die Reaktion auf die Besucher äußerst befremdlich. Mangelnde Sauerstoffzufuhr während er kurzzeitig klinisch tot war – Diagnose: Amnesie infolge irreparabler Schädigung des Gehirns. Flammer erkennt nichts und niemanden und kann sich an nichts erinnern. Georg fragt sich, wie es hierzu hat kommen können. Hat es Anzeichen gegeben, die er übersehen haben kann? Was hat ihn dazu veranlasst, seinem Leben ein Ende setzen zu wollen? Wieviel war ihre Freundschaft angesichts dieser Tragödie überhaupt wert? Georg will es wissen … Er besucht Flammers Eltern in der alten Gegend und lässt sich nach fünf Jahren wieder im ‚Obelix’ blicken, einem beliebten Treffpunkt aus gemeinsamen Jugendzeiten. Überraschend erfährt er von regelmäßigen Stammtischverabredungen und einer Frau in Flammers Leben. Flammers Wohnung gibt wenig Aufschluss über die Verzweiflungstat. Erst ein Brief, der als Lesezeichen in einem seiner Bücher klemmte, gibt Georg neue Hinweise. Der Absender führt ihn zu Krimina, der Frau an Flammers Seite. Doch auch dieser Weg scheint in einer Sackgasse zu enden. Dank einer Nachbarin ist es Georg möglich, die Freundin Kriminas zu kontaktieren. Gemeinsam mit Jasmin schaut er sich in Kriminas Wohnung um. Auch hier: Fehlanzeige. Was er von Jasmin über Flammer und vor allem Krimina erfährt, wirft neues Licht auf die Situation. Erst der Zweitschlüssel zu einem Proberaum führt Georg zu den Antworten all seiner Fragen …


Stil und Sprache
Anlässlich des Suizidversuchs Flammers schickt Stefan Kalbers den freiberuflichen Versicherungsmakler Georg auf eine Achterbahnfahrt durch Zeit und Raum. In erster Person Singular wird der Leser Zeuge von Recherche und Selbstreflexion Georgs. Nachsinnen und Handlungen werden offen dargelegt.
Das Buch beginnt relativ ruhig. Der Autor hält der Hauptfigur einen Spiegel vor und erzeugt intensive Gedankenspiele. Phantasiereich wird überlegt, wie und vor allem warum Flammer seinem Leben ein Ende setzen wollte. Stefan Kalbers startet eine Reise ins Ungewisse. Georgs Suche nach der Wahrheit findet in der Gegenwart statt, führt jedoch ebenso in die gemeinsame Vergangenheit der Freunde. Immer wieder werden Vergleiche zwischen den doch sehr unterschiedlichen Charakteren gezogen. Auf der einen Seite der Businessmensch Georg, im Kontrast dazu der unspektakuläre Flammer. Der Versuch, sich in die andere Person hineinzuversetzen, weckt Selbstzweifel und führt für Georg nahezu unbemerkt zur Selbstaufgabe, was den Plot für den Leser umso interessanter gestaltet. Ganz dezent verweist der Autor auf den Unterschied zwischen Schein und Sein. Gesellschaftskritische Aspekte beleben die Gedankengänge Georgs. Während sich dem Leser die Hintergründe des Geschehens Schritt für Schritt erschließen, verliert die Hauptfigur zunehmend den roten Faden des eigenen Lebens. Die Bemühungen, herauszufinden, wie, wo und mit wem Flammer seinen Alltag verbrachte, führen zu erstaunlichen Erkenntnissen und gerade gegen Ende des Romans zu überraschenden Spannungsspitzen.

Auf die Einteilung in Kapitel verzichtet Stefan Kalbers. Der vorliegende Text lässt sich leicht fließend lesen und präsentiert eine kontinuierlich fortschreitende Geschichte um Freundschaft, Moral und allerhand dunkle Seiten des gesellschaftlichen Lebens. Kleine Verweise auf Kalbers´ Roman „Atmen – Jemand muss atmen!“ verleiten den Kenner zum Schmunzeln.


Figuren
Im Fokus von „Ein wenig Sterben“ steht der suizidgefährdete Flammer. Unmittelbar mit ihm verbunden ist dessen Jugendfreund Georg. Georg, Mitte Dreißig, ist ein erfolgsverwöhnter Single mit BMW. Er ist als freiberuflicher Versicherungsmakler tätig, liebt das Risiko und die Herausforderung. Seinem Geschäftspartner ist er stets einen Schritt voraus – darauf legt er viel wert. Ganz anders Flammer. Ein Träumer, still und zurückgezogen. Wo Georg sich mit Disziplin und Leistungsbereitschaft empor kämpft, gibt Flammer auf. Sein Studium abgebrochen, hält ihn sein Teilzeitjob gerade so über Wasser. Musik und Literatur bilden seinen Lebensmittelpunkt. Soweit das Bild der beiden Männer zu Beginn des Romans. Pol und Gegenpol. Ein Kontrast, wie er nicht stärker sein könnte. Im Laufe des Geschehens wird jedoch mehr und mehr ersichtlich, dass Georgs Image einem Wolkenkuckucksheim entspringt. Er ist längst nicht so elitär und previlegiert wie es Äußerlichkeiten und Auftreten vermuten lassen. Sein Erfolg basiert auf Schall und Rauch. Menschlich gesehen hat er nicht gerade den besten Ruf. Umso erstaunter zeigt sich Georg, als er in den Alltag Flammers eintaucht. Regelmäßige Treffen mit Freunden und sogar eine Frau, mit der er eine gemeinsame Flugreise nach Rom plante. Selbst seinen Traum von der Musik, so laut es ihm beliebt, hat er sich erfüllt. Ein Leben, das Georg ihm gar nicht zugetraut hätte.
Doch auch in Flammers Dasein gibt es Schattenseiten. Die Beziehung mit Krimina steht unter keinem guten Stern. Am Ende sieht er seine Möglichkeit einzig im Selbstmord …

Auch in diesem Roman sucht der Leser die so genannte Heile Welt vergebens. Stefan Kalbers führt die glänzende Existenz des Geschäftsmanns Georg ad absurdum und erklärt die Verzweiflungstat des bodenständigen Flammers. Nachvollziehbare Gedanken und intensive Emotionen erzählen von Menschen, die von ihrem Weg abkommen und vor den Konsequenzen fliehen.


Aufmachung des Buches
„Ein wenig Sterben“ ist die zweite Veröffentlichung Stefan Kalbers im Ubooks-Verlag. Das Titelbild von Stefan Rühl zeigt einen verschmitzt dreinblickenden Mann mit leicht zerzausten Haaren und etwas derangierter Kleidung. Auf einem Bürostuhl sitzend, klammert er sich an seine Aktentasche. Im Hintergrund befinden sich eine Pflanze und schließlich die karge, graue Wand. Als besonderen Clou zieren kleine Kritzeleien, wie man sie beispielsweise gern während eines Telefonats anfertigt, und ein Kaffeetassenrand Vor- und Rückseite des Taschenbuchs. Ein Auszug aus dem Text und eine kurze Inhaltsbeschreibung bieten Informationen zum Roman.


Fazit
Eine Geschichte zwischen Schein und Sein, von Freundschaft und Verrat, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod. Ähnlich seinem Roman „Atmen – Jemand muss atmen!“ erzählt Stefan Kalbers von gescheiterten Existenzen. Interessant, ehrlich und direkt.



Hinweise
Rezension von Patricia Merkel
Herzlichen Dank an Stefan Kalbers für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.


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