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Der gutsituierte, erfolgreiche Autor Yosuke Mikura hat alles, was sein Herz begehrt – Geld, Ruhm, Frauen. Warum muss er da im Bahnhof Shinjuku eine verdreckte Stadtstreicherin aufgabeln und bei sich einziehen lassen? Zumal, wenn diese Barbara auch noch frech wird und ständig seine Hausbar plündert?

Eine stürmische Beziehung bahnt sich an …

 

 

Originaltitel: Barubora
Autor: Osamu Tezuka
Übersetzer: Tsuwame, Resel Rebiersch
Illustrationen: Osamu Tezuka
Verlag: Schreiber & Leser - shodoku
Erschienen: April 2010
ISBN: 978-3-941239-28-9
Seitenzahl: 208 Seiten
Altersgruppe: ab 14-15 Jahren (Empfehlung des Rezensenten)

Hier geht's zur Leseprobe


Die Grundidee der Handlung
Aufgrund der Inhaltsangabe des Verlages erwartete ich als eigentlichen Plot eine turbulente Beziehungsgeschichte, diese dient jedoch nur als Rahmen für jede Menge abstruse Situationen, in die der Schriftsteller Mikura gerät, seit er die obdachlose Alkoholikerin Barbara bei sich aufnahm. Obwohl Barbara eine freche Schnauze hat, ihn beklaut, seine Alkoholvorräte im Nu verputzt, sich in der Öffentlichkeit ziemlich danebenbenimmt und ihn damit bis auf die Knochen blamiert, fühlt er sich dennoch unfähig, sie rauszuschmeißen. Dies tut sie sogar des Öfteren von sich aus, kommt aber jedes Mal wie eine streunende Katze wieder zu ihm zurück.
Die 9 Erzählepisoden sind zu viele, um sie im Einzelnen inhaltlich wiederzugeben. Ihnen gemeinsam haftet das Surreale, Groteske, Zweideutige an. Genau wie der Protagonist Mikura, weiß man als Leser nicht, was man von den doppelbödigen Geschehnissen halten soll. Der Titel des letzten Kapitels „Die Welt aus den Fugen“ könnte genauso gut den ganzen Band übertiteln, denn mit der Realität hat die irrwitzige Achterbahnfahrt nur noch wenig zu tun. Autor Osamu Tezuka schreibt im Nachwort: Barbara erzählt die Geschichte eines Mannes, der zwischen einem dekadenten Ästhetizismus und Geistesgestörtheit hin und her taumelt. In bin nicht sicher, ob seine Erlebnisse nicht bloße Wahnvorstellungen sind.

Wer wie ich einen Sinn für Groteskes und Abstruses hat, kann sich mit „Barbara“ köstlich amüsieren. Die allesamt ein wenig durchgeknallten Geschichten sind gut durchdacht, schlüssig aufgebaut und von hohem Tempo, sie stecken voll pointiertem Humor und wilden Hakenschlägen. Ich freue mich schon jetzt auf den zweiten und letzten Band, für den noch kein Veröffentlichungstermin feststeht. Schade nur, dass die Inhaltsangabe des Verlages ein wenig missverständlich ist, denn nicht jeder wird so lässig wie ich darüber hinwegsehen, dass er hier etwas anderes bekommt als erhofft.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Was Walt Disney für den Comic, bedeutete der 1989 verstorbene Osamu Tezuka für den Manga – ein Urgestein der Branche. Mit mehr als 700 Titeln begründete er in Japan den Begriff des modernen, anspruchsvollen Manga für Erwachsene, wie wir ihn heute kennen. „Barbara“ entstand 1973. Nach eigenen Worten wurde Tezuka durch Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ zu diesem Werk inspiriert. Die Optik in „Barbara“ ähnelt allerdings mehr einer herkömmlichen, schwarz-weiß gezeichneten Graphic Novel als dem, was wir uns gemeinhin unter einem Manga vorstellen, zumal die Zeichnungen in dieser Ausgabe komplett gespiegelt sind, um sie unseren Lesegewohnheiten anzupassen. Osamu Tezukas Strichführung ist kraftvoll, dynamisch, variantenreich und sehr ausdrucksstark.

Seinen Figuren verpasst er überwiegend ein westliches Äußeres, wobei sein Hauptprotagonist Mikura mit buschigen Augenbrauen, markanten Gesichtszügen, krummer, langer Nase, schwarzer Sonnenbrille und Zigarette im Mund den Inbegriff des intellektuellen, elitären Schriftstellers darstellt. Wenn Mikura dem Leser seine verborgene, „abartige sexuelle Triebstruktur“ gesteht, wuchern im Hintergrund haarige, eklige Pflanzenranken, während sein Gesicht schwarz überschattet ist und die Pupillen geweitet und starr ins Leere blicken (Seite 10).
Barbara mit spitzem Stupsnäschen, einem wilden, wuscheligen Pagenschnitt, hautengen, vor Schmutz starrenden Stretchhosen, die ihre langen Beine und makellosen Rundungen vorteilhaft unterstreichen, ist optisch genauso super getroffen, um ihren frechen, nachlässigen, sexuell aufreizenden Charakter hervorzuheben.
Besondere Gedanken machte sich Osamu Tezuka über das Aussehen von Barbaras Mutter. Da diese Metapher für die griechische Göttin Mnemosyne ist, hat er ihre Gestalt genauso rund und wallend wie die berühmte „Venus von Willendorf“  – eine der ältesten Darstellungen einer Frau – wiedergegeben.

Die irren bzw. wirren Geschehnisse spiegeln sich zumeist in einem verzerrten, schiefen Strich oder in karikierten Darstellungsformen wider; so bestehen die Köpfe der umstehenden, schnatternden Menschenmasse bei einer Preisverleihung beispielsweise nur noch aus übergroßen Mündern (Seite 25). Als weitere Ausdrucksform bedient sich der Mangaka der Panels, die – je haarsträubender und turbulenter die Handlung – langgezogen wie ein Negativ-Filmstreifen sein können oder auch von mosaikförmiger Zusammensetzung (Seite 130).

Das Schriftbild in den mehreckigen und gewellten Textblasen kommt ganz comictypisch in Großbuchstaben daher, so dass ein flüssiges Lesen möglich ist. Geräuschzeichen wiederum sind – für japanische Verhältnisse ganz untypisch – eher Mangelware.


Aufmachung des Manga
Der Manga wurde als sehr robustes Großtaschenbuch (21 x 15 cm) mit Innenklappen verlegt. Als Besonderheit sind die dicken, rohweißen Seiten zusätzlich zur Klebung sogar noch fadengebunden. Auf der vorderen Innenklappe erfährt man näheres über Osamu Tezuka und im Anhang sind hilfreiche und informative Anmerkungen zum Inhalt sowie Nachworte des Mangaka und des Verlages Schreiber & Leser enthalten. Auf der letzten Seite sind alle Titel des Labels „shodoku“ aufgelistet, genauso eine Übersicht über weitere auf Deutsch verlegten Werke von Osamu Tezuka.
Die Grundfarbe Lila finde ich ziemlich außergewöhnlich für einen Manga und gut gewählt, um die Aufmerksamkeit des potentiellen Käufers zu erregen. Autorenname und Titel heben sich in Schwarz und Weiß vorteilhaft davon ab. Das Covermotiv ist Teil der Geschichte; es verteilt sich über beide Umschlagdeckel und den Buchrücken. Seine gezielte Farbakzentuierung gefällt mir ebenfalls sehr gut. Auf der Rückseite ist die Inhaltsangabe in Weiß aufgedruckt.


Fazit
In „Barbara“ schließen sich Anspruch und Unterhaltung zum Glück nicht gegenseitig aus. Wer eine Vorliebe für durchgeknallte, groteske oder skurrile Plots hat, ist hier goldrichtig. Eine Beziehungsgeschichte im eigentlichen Sinne – wie der Klappentext vermuten lässt – darf man jedoch nicht erwarten. Zu meinem Leidwesen wurde der Manga komplett gespiegelt, um ihn unseren Lesegepflogenheiten anzugleichen, ansonsten ist seine Aufmachung aber hervorragend und lässt keine Wünsche offen.


4 5 Sterne


Hinweise
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