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Auf den Spuren ihrer Großmutter, der Favoritin des letzten osmanischen Sultans, kommt die junge Engländerin Kim Nelson nach Istanbul. Dort gerät sie in einen Wirbel von Ereignissen um Geld, Macht und Intrigen. Und immer wieder scheint die unsterbliche Faszination des Harems auf …

 

Autor: Jean Dufaux
Illustrationen: Ana Miralles
Verlag: Schreiber & Leser - Alles Gute
Erschienen: 2009 (3. Auflage)
ISBN: 978-3-933187-59-8
Seitenzahl: 48 Seiten
Altersgruppe: ab 16 Jahren (Empfehlung des Rezensenten)

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Die Grundidee der Handlung
Die Handlung spielt sich parallel auf zwei Zeitebenen ab. In der Gegenwart erhofft sich die junge, attraktive Engländerin Kim Nelson in Istanbul näheres über ihre Großmutter Jade zu erfahren. Sie gerät dabei in Gefahr, aus der sie ein geheimnisvoller Fremder rettet.

Dieser Handlungsstrang wird immer wieder unterbrochen von Jades Geschichte. Im Jahre 1912 stand die Türkei vor einer schweren Zerreißprobe. Das alte Osmanische Reich und dessen Herrschaft durch die Sultane waren dem Untergang geweiht. Nationalsozialistische Rebellen unter der Führung Enver Paschas wollten die Türkei in eine neue, unabhängige Zukunft führen, dabei verbündeten sich die Türken mit den Deutschen - eine verhängnisvolle Entscheidung, wie uns die Geschichte lehrt. Im Vorwort Jean Dufaux‘ heißt es, dass mit dem Niedergang der Sultane auch die Tage des Harems gezählt waren – ein Ort der Verführung und der Sinneslust, aber auch der Grausamkeit, wenn Macht ausgeübt wurde. Jade war die Königin in Sultan Muratis Harem und gleichzeitig seine Herzensdame – seine Favoritin. Aber sie war noch viel mehr als das: sie war auch eine Djinn, ein Geist.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Als ich mir den Comic bestellte, war ich ein wenig skeptisch, was mich wohl erwarten würde. Mir geisterten Scharen von kurvenreichen, nackten Frauen mit schweren Brüsten im Kopf rum, schließlich werden Comics bekanntlich überwiegend vom männlichen Geschlecht gelesen und die wollen auch was fürs Auge geboten bekommen. Ganz sicher war ich mir aber nicht, denn die Frau auf dem Titelbild hat eine ganz andere Statur und für die Illustrationen von "Djinn" zeichnet sich Ana Miralles, eine Frau, verantwortlich. Zum Teil bestätigten sich meine Vorstellungen, denn ja, es tummeln sich hier scharenweise nackte Frauen, aber nein, die Darstellung der nackten Körper peilt keine bestimmte Lesergruppe an. Sie sind allesamt sehr ansehnlich und attraktiv: die Frauen zierlich, schlank, mit kleinem, festem Busen, die Männer zwar muskulös, aber noch im normalen Rahmen, keine 'Schränke'. Rein optisch kommen hier männliche und weibliche Leser gleichermaßen auf ihre Kosten. Insgesamt wirken die Bilder üppig-sinnlich, der sexuelle Akt an sich wird ausgespart.

Die Figuren hinterließen bei mir eine unterschiedliche Wirkung. Kim und Malek in der Gegenwartshandlung mochte ich auf Anhieb. Dadurch, dass sie in brenzligen Situationen immer wieder aufeinandertreffen und das erotische Knistern zwischen ihnen ziemlich offensichtlich ist, blättert man die Seiten umso schneller um, weil man erfahren möchte, wie sich die Beziehung entwickeln wird. Jade dagegen ist kaltherzig, berechnend und rätselhaft. Ihr Wesen wird von einem Djinn (Geist) beherrscht. Sie benutzt ihren Körper als Waffe, menschliche Gefühle scheinen ihr fremd zu sein. Das britische Ehepaar Nelson wird auf Geheiß des Sultans zu ihrem sexuellen Spielzeug. Sie mag vielleicht auf den einen oder anderen Leser faszinierend wirken, mich ließ sie jedoch kalt.

Die zeichnerische Qualität ist überwiegend hochwertig, nur die Gesichtszüge der drei in etwa gleichaltrigen Herren Malek, Harold Nelson und Amin Doman sind sich für meinen Geschmack zu ähnlich, fast schon identisch. Kleine Variationen finden sich bei Malek in längerem Haar und einem Schnurrbart bei Harold. Hier hätte ich mir mehr Fantasie in der Umsetzung gewünscht. Genauso ist die Mimik bei Harold Nelson und Amin Doman recht starr, so dass keine Emotionen rüberkommen. Die weiblichen Hauptpersonen, vor allem Jade und Kim, sind gut auseinander zu halten und die Mimik verrät gut deren Gefühle. Sehr schön spiegelt sich das Ambiente in den dargestellten Kulissen wider. Egal ob im türkischen Dampfbad, wo weiße Dampfschwaden den Blick auf die nackten Gestalten im Hintergrund diskret verhüllen, in der von der Außenwelt abgeschotteten Welt des Harems, wo die Frauen untereinander ihre Machtkämpfe austragen, im üppig ausgestatteten, blauen Audienzzimmer des Sultanspalastes, in dem wichtige politische Entscheidungen getroffen werden oder in der quirligen Istanbuler Altstadt, wo Kim in Gefahr gerät, ja sogar ein farbenprächtiges, orientalisches Wüstenzelt bekommt man zu sehen.

Die aquarellhafte Kolorierung ist variantenreich und passt sich – bis auf eine Ausnahme – dem Ambiente wunderbar an. Generell dominieren Rot/Rost-, Braun/Beige- und Blau/Grau-Töne und sind, je nach Anlass, mal mehr oder weniger kräftig, aber nie grell. Zum Beispiel im Sultanspalast ist die Farbgebung genauso üppig wie dessen opulente Ausstattung, wenn Kim dagegen in der Altstadt von Istanbul unterwegs ist, beherrschen warme Erdtöne die Bilder. Rätselhaft ist mir allerdings, warum die Farben in einer Szene, bei der Kim den undurchsichtigen Geschäftsmann Amin Doman in dessen Privatvilla besucht, so arg zurückgenommen werden, so dass einem die blasse Szene inmitten dem farbenfrohen Rest unnatürlich erscheint. Tiefen- und Schattendarstellungen bewegen sich auf durchschnittlichem Niveau.


Aufmachung des Comics
Es handelt sich um eine gebundene Ausgabe im A4-Format mit harten, kartonierten, matt glänzenden Umschlagdeckeln. Das Titelbild zeigt Jade so gut wie hüllenlos (der Organza-Schal verdeckt nicht wirklich etwas), in aufreizender Pose auf einem mit bunt gemusterten Überwürfen und Kissen drapierten Sofa. Im Hintergrund erblickt man durch einen grauen, durchsichtigen Vorhang eine Wand mit orientalischer Keramik. Im oberen Drittel finden sich die Namen von Autor und Illustrator sowie Titel und Untertitel in verschnörkelter, arabisch anmutender, karamellfarbener Schrift. Insgesamt ist das Coverdesign sehr aufschlussreich.

Im Innenteil erwartet den Leser zunächst eine kleine, karamellfarben umrandete Schwarz-Weiß-Skizze des Coverbildes mit nochmaliger Nennung von Titel, Autor/Illustrator, Untertitel und Verlagsreihe, anschließend - links vom ersten Szenenbild - ein Vorwort des Autors Jean Dufaux, geschrieben im Januar 2001 für die Erstausgabe. Die Seiten im Innenteil sind glatt und matt glänzend. Dies kann beim Lesen mit künstlichem Licht zu leichten Spiegelungen führen.


Fazit
Obwohl die Erotik klar im Mittelpunkt steht, würde man dem Comic Unrecht tun, ihn als billigen Porno abzustempeln. Explizite sexuelle Darstellungen werden zurückgehalten, Sinnlichkeit und sexuelle Anziehungskraft stehen im Vordergrund, dabei werden sowohl heterosexuelle als auch lesbische Beziehungen gezeigt.
„Djinn“ liest sich mit seinen zwei Parallelhandlungen auf verschiedenen Zeitebenen sehr spannend, die historische Handlung überzeugt zudem noch mit einem gut recherchierten politischen Hintergrund. Zu manchen Figuren, wie z.B. Kim und Malek, fand ich auf Anhieb Zugang, zu anderen baute sich in diesem Band noch keine Nähe oder Sympathie auf.
Zeichenqualität und Kolorierung bewegen sich überwiegend auf hohem Niveau, weisen aber gelegentlich Schwächen auf. Der Band endet mit einem Cliffhanger, so dass man gespannt auf den nächsten Band sein wird.

Hauptzielgruppe sind natürlich Erwachsene, wobei ältere Jugendliche „Djinn“ sicherlich auch lesen könnten.


3 5 Sterne


Hinweise
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