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Bernd Perplies klein
Foto: Privat

Bernd Perplies schreibt sich quer durch die Genres und begeistert damit immer wieder seine Leser. Nach seiner Fantasy-Trilogie "Tarean" und der Steampunk-Trilogie "Magierdämmerung" ist mit "Flammen über Arcadion" nun der Auftakt der auf drei Bände angelegten Dystopie erschienen. Auch wenn Bernd der Leser-Welt schon das eine oder andere mal Rede und Antwort gestanden hat, haben wir es uns nicht nehmen lassen, ihn auch hierzu zu befragen.


Lieber Bernd, was hat dich dazu bewogen, eine Dystopie zu schreiben?

Ich wollte gerne nach der „Magierdämmerung“ wieder etwas Neues ausprobieren. Als LYX mich dann fragte, welches Projekt wir als nächstes angehen sollen, entwickelte ich vier sehr unterschiedliche Ideen. Eine davon war eine dystopische Geschichte, die nicht nur meiner Agentin sehr gut gefallen hat, sondern auch vom Verlag letztendlich ausgewählt wurde. Ich nehme an, dass Erfolge wie „Die Tribute von Panem“ bei der Entscheidung eine gewisse Rolle gespielt haben. [lacht]


Entspricht die von dir geschaffene Welt deiner Vorstellung davon, wohin die heutige Gesellschaft sich wandeln könnte?

Ja und nein. Ich habe mich gefragt, wie ein Europa nach einer globalen Katastrophe aussehen könnte. Alle Kommunikation ist zusammengebrochen, alle Warenströme kamen zum Erliegen. Alle moderne Technik ist sofort oder im Laufe der Jahre kaputt gegangen. Es existieren nur noch einzelne Relikte. Unter der Prämisse halte ich die Welt von „Arcadion“ für denkbar, in der die Menschen sich um einzelne, starke Führer (einen Orden oder eine Einzelperson) scharen, in der Kleinstaaten Kriege um Ressourcen führen, in der Andersdenkende ausgegrenzt und verfolgt werden. Natürlich nehme ich mir dichterische Freiheiten heraus, wie die Invitros, künstlich geschaffene Menschen, die ich für absehbare Zeit nicht als realistisch erachte. Außerdem hoffe ich doch sehr, dass es zu besagter Katastrophe nicht kommt. Ich schaue lieber optimistisch in die Zukunft.


Insgesamt wirkt das Buch auf mich sehr gesellschaftskritisch. Dies ist doch bestimmt kein Zufall?

Nein, natürlich nicht. Wie kann man eine Dystopie schreiben, ohne dabei automatisch auch gesellschaftskritisch zu werden? Im Wort „Dystopie“ steckt doch bereits die gut gemeinte, aber ins negative Gegenteil umgekippte Vision einer Gesellschaft drin. Okay, man könnte sich rein auf den Liebesaspekt konzentrieren, aber das wollte ich nicht. Das wäre mir zu platt gewesen. Und es hätte mich auch weniger fasziniert, als der Entwurf einer Gesellschaft, die uns abschreckend erscheint – und die doch in vielen Aspekten und Befindlichkeiten unsere Gegenwart und Realität spiegelt.


Insgesamt fällt der Grundton diesmal deutlich ernster aus, als man es bisher von dir gewohnt ist. Verlangt eine Dystopie einen weniger humorvollen Schreibstil?

In meinen Augen schon. Das hat mir anfangs auch etwas Schwierigkeiten bereitet. Ich bin ein Mensch, der gerne mit einer gewissen Leichtigkeit schreibt. Tareans Abenteuer war gefährlich, aber es gab auch immer Raum für freundschaftliche Plänkeleien zwischen ihm und seinen Freunden. Die „Magierdämmerung“ lebt von sarkastischen Charakteren wie Jupiter Holmes oder Lionida Diodato, die auch im Angesicht des Todes einen Spruch auf den Lippen haben. Das wäre mir bei „Flammen über Arcadion“ unangemessen erschienen. Ich kann nicht über Invitroverfolgung, Folter und Tod schreiben und gleichzeitig Witze machen. Allerdings gebe ich zu, die strenge Linie der ersten Kapitel in der Mitte des Buchs mit der Einführung des Straßenjungen Pitlit etwas gebrochen zu haben. Zum einen wollte ich durch seine großspurige Art den Lesern gelegentlich eine Verschnaufpause gönnen. Zum anderen sorgt er dafür, dass die eher ernsten Figuren Carya und Jonan lockerer werden. (Aber auch Pitlit hat einen verletzlichen und verletzten Kern – wie man zwischen den Zeilen immer wieder lesen kann.)


Als Schauplatz hast du dich für Rom entschieden, das seit der Zeit des Sternenfalls Arcadion heißt. Was hat dich dazu bewogen, die Geschichte dort anzusiedeln?

Es waren mehrere Dinge, die mich dazu gebracht haben, ein ehemaliges Rom als Schauplatz zu wählen. Zum einen brauchte ich eine große Stadt zu Beginn, möglichst eine europäische, denn in meinen Augen spielen schon genug Geschichten in Amerika. [lacht] London hatte ich bereits in der „Magierdämmerung“ erkundet. Blieben (nach erstem Nachdenken) Paris, Rom oder Berlin.
Von den dreien kannte ich nur Rom wirklich, denn ich habe dort vor einigen Jahren Urlaub gemacht (und es hilft schon beim Schreiben, wenn man einen Ort mal live gesehen hat). Dabei fand ich schon seinerzeit diese Verbindung von uralter und zugleich moderner Stadt faszinierend. Dieses Nebeneinander von zwei Zeitaltern setzt sich in „Flammen über Arcadion“ fort (mit der Gegenwart und der Zeit „vor dem Sternenfall“). Außerdem hat Rom wirklich einst einen festungsartigen Charakter gehabt, als es von der Aurelianischen Mauer umgeben war. Daraus wurde bei mir der Aureuswall, der besagte Mauer vergrößert und ergänzt. Und es hat sich natürlich auch angeboten, einen Orden wie den Lux Dei in Rom anzusiedeln.
Zu guter Letzt hatte ich das Gefühl: Italien ist als Land exotisch genug, um einen gewissen Reiz auszuüben, aber uns zugleich nah genug, dass wir uns problemlos in die Figuren hineinversetzen können.


Wie gelingt es dir, die Umgebung so authentisch darzustellen? Warst du zu Recherchezwecken vor Ort?

Nein. Ich habe – wie gesagt – dort vor ein paar Jahren Urlaub gemacht. Das hatte aber mit dem Roman noch nichts zu tun. (Ganz im Gegensatz zu meinem Parisurlaub dieses Jahr, dessen Erfahrungen direkt in den Folgeband „Im Schatten des Mondkaisers“ einfließen.) Die meiste Zeit habe ich mich auf das Internet verlassen. Dank des großartigen Google Street View kann man ja mittlerweile durch jede Straße einer fremden Stadt spazieren. (Deutschland mal ausgenommen, weil hier alle Angst haben, dass ihnen Google etwas abgucken könnte.) Schon für die „Magierdämmerung“ bin ich virtuell durch London gestreift und habe dabei Inspirationen gesammelt. Und bei „Flammen über Arcadion“ eben durch Rom und die italienische Landschaft. Wobei ich immer wieder erstaunt war, wo sich Googles Fotowagen überall herumgetrieben haben. Man kann wirklich die letzten Wald- und Feldwege virtuell erkunden. Das ist einfach unglaublich! Natürlich ändere ich Teile der Umgebung. Wir befinden uns viele Jahre in der Zukunft, und ein furchtbarer Krieg hat die Landkarte verändert. Aber einzelne Gebäude und Straßen gibt es eben doch noch. Und die beschreibe ich auch mithilfe von Street View.


Mir ist zu Ohren gekommen, dass unter anderem Computerspiele bei der Ausarbeitung - beispielsweise der Schwarzen Templer - eine Rolle gespielt haben. Welche digitalen Welten haben dir hier als Inspirationsquelle gedient?

Das ist nur halb richtig. Ja, ich habe mich bei den Kampfanzügen teilweise an den schweren Rüstungen, die man im Endzeit-Videospiel „Fallout“ findet, orientiert. Zugleich aber auch an den klobigen Ungetümen, die die Soldaten in dem Tabletop-Spiel „Warhammer 40.000“ – ein Far Dark Future Setting – tragen. Es gibt jedoch insgesamt kein konkretes Bild davon, wie Templerrüstungen aussehen. Nur ein Gefühl, dass sie massiv und eindrucksvoll sind und aus einer anderen Zeit stammen.


Du streust gerne auch versteckte Hinweise auf deine anderen Werke in den Text ein. Ein Kniff, den ich bisher eher von Illustratoren kannte. Was reizt dich an diesen Anspielungen?

Grundsätzlich: Ich möchte dem Leser gerne mehrere Ebenen des Lesens bieten. Die erste Ebene ist der schlichte Text, also das, was im Roman geschrieben steht. Die zweite, noch recht leicht zu erfassende Ebene ist die der kritischen Untertöne, die sich zwischen den Zeilen finden. Die dritte ist die der Anspielungen, die einerseits wirklich schlichte Spielerei sind, ein augenzwinkernder Blickwechsel zwischen mir und dem kundigen Leser (Nach dem Motto: „Ja, ich habe auch „Warhammer 40.000“ gezockt.“ oder „Ja, Carya könnte Lionidas Nachfahrin sein.“). Andererseits möchte ich die Leser damit auch herausfordern. Ein Text ist mehr als nur ein paar Worte. Wenn ihr über ihn hinwegfliegt, verpasst ihr was. Die Easter Eggs findet man eben nur mit etwas mehr Mühe (das ist in Filmen und Videospielen übrigens ganz genauso). Es existiert übrigens ein Easter Egg, das all meine Projekte („Tarean“, „Magierdämmerung“, „Drachengasse 13“ und am Ende auch Caryas Geschichte) verbindet. Bislang hat es noch niemand bemerkt. Zumindest wurde ich noch nie darauf angesprochen. [lacht]


Die Fortsetzung deiner Dystopie "Im Schatten des Mondkaisers" erscheint bereits im März 2013. Steht das Manuskript schon oder liegst du in den letzten Zügen?

Das Buch befindet sich aktuell im Lektorat, und ich plane derzeit Band 3, der den Titel „Das geraubte Paradies“ trägt.


Kannst du uns vorab einen kleinen Einblick in die Handlungen gewähren?

Nun ja, Carya, Jonan und Pitlit werden dem Geheimnis von Caryas Herkunft nachgehen. Sie haben da ja noch diesen Satz Koordinaten, der sie, da verrate ich wohl angesichts des Romantitels nicht zu viel, in Richtung Frankreich führen wird. Dort wird nicht nur Caryas und Jonans Liebe auf die Probe gestellt, sie geraten auch in eine Verschwörung, die die ganze Welt, wie sie sie kennen, verändern mag.


Und wie lange müssen deine Leser auf das große Finale im dritten Band warten?

Bis September 2013.


Fantasy, Steampunk, Dystopie und eine Kinderbuchreihe mit Christian Humberg ... Lesen wir als nächstes einen Thriller aus deiner Feder?

Das ist eher unwahrscheinlich. Ich schreibe gerne Phantastik. Krimis und Thriller sind nicht so mein Ding – es sei denn, es kommen Halblinge oder Magier oder sowas darin vor. [lacht] Nein, ernsthaft, ich kann gegenwärtig noch gar nicht sagen, was als nächstes kommt, weil ich noch das Finale von Caryas Geschichte schreiben muss. Außerdem übersetze ich ja auch „Star Trek“-Romane und verfasse neuerdings „Perry Rhodan“-Abenteuer. Das alles wird mich die nächsten Monate gut beschäftigen. Natürlich sind schon weitere Romane in Planung, aber noch nicht so spruchreif, dass ich darüber sprechen könnte.


Ich danke dir herzlich für das Interview!

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