| Demirtas, Ipek (2010) |
| Geschrieben von: Daniela Loisl |
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Einen Gehversuch in dem Sinne hat es nie gegeben, weil das Schreiben, das Kreative, das Künstlerische, diese "andere Seite", wie ich es nenne, immer schon ein Teil von mir war. Allerdings ein Teil, den ich über lange Zeit nicht richtig ausgelebt habe bzw. nicht ausleben konnte. Bis dann der Zeitpunkt kam, als dieser Teil nach Verwirklichung verlangte. Und da war dann auch eben diese Geschichte, die ich lange schon im Kopf herumgetragen hatte, und ich begann einfach mit dem Schreiben. Das heißt, es gab in dem Sinne keine Vorübungen, kein Ausprobieren. Es war diese Geschichte, die ich dann einfach schreiben musste.
Ja. Da ist immer das Gefühl, als ob ich in meinem Leben schon so viele Leben er- und durchlebt habe. Das liegt sicher auch an meiner eigenen Biographie, die mich eben aus den Bergen Ostanatoliens bis in die Führungsetagen der Wirtschaft geführt hat. Und dazwischen liegen nicht nur über zweieinhalbtausend Kilometer messbarer Entfernung, sondern es liegen im buchstäblichen Sinn Welten dazwischen, deren Distanz in Kopf und Herz unmessbar bleibt. Es ist eine Distanz, die innerlich immer wieder überbrückt werden muss; es liegen Verluste auf dem Weg dazwischen, Ängste, Verzweiflung, Einsamkeit und Ungewissheiten, die alle ihre Spuren hinterlassen haben. Und die mächtigste Spur ist die, eigentlich nirgendwo wirklich zu sein, sondern immer auf einem Weg zu bleiben, nicht anzukommen. Daher kommt vielleicht diese besondere Empfänglichkeit.
Ja, ich wollte etwas damit sagen, was mir sehr wichtig war und ist. Es geht einmal um die Figur der "Warin", die sich entwickelt, um diese bedingungslose Kraft und Macht der Liebe, die uns in unglaubliche Höhen tragen oder eben in bodenlose Abgründe reißen kann - ohne dass wir Kontrolle darüber haben. Die Liebe, ein eigentlich ja positives Gefühl, kann als abhängige Leidenschaft auch vernichtend sein. Denken wir etwa an Prousts Definition von Liebe als "Krankheit". Und die Hilflosigkeit einer solchen Vernichtung gegenüber, die für den Außenstehenden vollkommen absurd erscheinen muss, die wollte ich mit größtmöglicher Authentizität und Genauigkeit beschreiben. Ich gestehe an der Stelle gern meine Begeisterung für Dostojewski. Und dann geht es mir anhand des "Karl" im Roman um die Frage: Wer sind wir eigentlich, wer sind wir ursprünglich, und was von dem, das wir waren, sind wir noch oder was hätten wir unter anderen Umständen vielleicht auch werden können? Nicht alle Kinder auf der Welt haben das Glück, in Geborgenheit, in Liebe und Wärme aufzuwachsen. Wie wären solche Menschen geworden, wenn alles für sie anders oder nur normal verlaufen wäre? Beziehungsweise wenn ihnen, wie im Falle Karls, eine frühe traumatische Erfahrung erspart geblieben wäre? Vielleicht ist diese Frage auch kaum oder gar nicht zu beantworten, aber wir können uns nicht davon befreien, sie uns zu stellen und uns daher die Verantwortung bewusst zu machen, die wir für andere tragen. In dem Sinn war es mir wichtig, meine Figuren sozusagen ganz auszuziehen, ohne Schutz und Ausweg und Halt, wie es vielleicht jeder von uns irgendwann im Leben mal erlebt hat oder erlebt, ich meine diese Momente, wo man sich kaum vorstellen kann, dass es einen weiteren gibt …
Ich werde oft gefragt, warum ich keine Autobiographie schreibe. Meine Antwort war und ist, dass es mir bis heute unmöglich bleibt, sozusagen eins zu eins, ungedeckt und unmittelbar über mich, über das zu schreiben, was ich in meinem Leben erlebt und erfahren habe. Ich brauche für mich eine Art Schutz, eine letzte Distanz zu mir selbst. Natürlich enthält der Roman autobiographische Motive, spinnt er sich um Fragen, die mich selber betroffen und bewegt haben, es auch immer noch tun. Aber in seinen beiden Hauptfiguren fließen eben eigene Erfahrungen, Beobachtetes, Reflektiertes, fließen Biographie, Empirie, Philosophie ineinander, getragen und geführt gleichzeitig durch die, wenn man so sagen kann, künstlerische Freude an der sprachlichen Gestaltung. So ist „Die Skulptur“ im besten goetheschen Sinne „Dichtung und Wahrheit“, will sagen, das Erdichtete ist immer auch wahrhaftig wie das Wahre immer auch verdichtet.
Diese Irritation von Menschen über meine Biographie habe ich oft erfahren. Sie enthält eben große Kontraste. Meine Existenz und mein Wesen sind voller Gegensätze und Widersprüche und manchmal irritiert es mich sogar selbst. Ich habe mich daran gewöhnt, dass ich anders bin, und ich habe mich daran gewöhnt, irgendwie immer ein Fremder zu sein, wo ich auch bin. Dieser rote Faden zieht sich durch mein ganzes Leben. Das hat aber viel weniger politische oder gesellschaftliche als innere Gründe - Wenn es an der Stelle erlaubt ist: Von solchen inneren Gründen, von einem solchen "Weltenkreuzer", handelt mein nächster Roman, das Manuskript ist gerade fertig geworden.
Ich lese viel, wobei es Phasen gibt, wo ich weniger lese, vor allem, wenn ich beruflich sehr eingespannt bin. Ich liebe die französische Literatur, die deutsche und russische. Zu meinen Lieblingsautoren zählen, neben dem schon erwähnten Dostojewski, J.P. Satre, Albert Camus, Marcel Proust, Thomas Mann, Hermann Hesse. Die jetzt nicht Aufgezählten mögen es mir verzeihen.
Jeder Roman ist anders entstanden. Die Skulptur hat sich in Kleinarbeit über sechs Jahre vollzogen. Ich habe überall, wo ich war, Gedanken und Empfindungen festgehalten und irgendwann zu Papier gebracht. Heute schreibe ich anders. Es gibt nicht mehr ganz so viele Notizen, und die Hauptarbeit findet in meinem Kopf statt, bevor es dann geschrieben wird.
Wie schon erwähnt, mein zweiter Roman liegt als Manuskript vor. Da kommt jetzt die Handkorrektur und dann geht‘s an den Verlag.
Ja und nein. Es ist, wie gesagt, der Roman über einen "Weltenkreuzer", genauer einen türkischen Mann, der in Deutschland alles erreicht hat und durch den Tod seines Vaters nach fast zwei Jahrzehnten des Schweigens wieder mit seiner türkischen Vergangenheit, seinen Wurzeln, seiner Familie konfrontiert wird. Es geht in diesem Roman überhaupt nicht um Politik, Integration und dergleichen, sondern - und da sind wir dann wieder bei den "Gefühlen", um die ganz persönliche Innenansicht eines solchen "Welt"- oder auch "Identitätswechsels", ganz unabhängig von allem äußeren Gelingen und Erfolg.
Es war üblich schwer, einen Verlag zu finden. Ich habe ca. 20 Verlage angeschrieben. Immerhin waren die Absagen aber teilweise wirklich qualifiziert, doch die meisten Verlage trauten sich an so einen schweren Stoff, noch dazu als Debütroman, nicht heran. Zumal ich ja auch auf jede zeitaktuelle, themen- oder formgängige "Verpackung" verzichtet habe.
Ich danke Ihnen für Ihr Interesse, die nachdenklichen Fragen und würde mich meinerseits freuen, wenn Sie auch mein nächstes Buch rezensierten! |























