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Hallo Frau Schwartz. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.

Sie haben Deutsche Philologie, Philosophie sowie Deutsch als Fremdsprache studiert. Dabei entwickelten Sie ein besonderes Interesse für die Phantastik. Warum reizt Sie gerade dieses Genre?

Im Gegensatz zur mimetischen Literatur bietet dieses Genre ein gewisses MEHR und genau das fasziniert mich. In der Phantastik ist alles möglich. Darüber hinaus bin ich der Ansicht, dass sich besonders in phantastischen Geschichten etwas Lebensnotwendiges finden lässt, das in unserer rationalisierten und zunehmend wunderfreien Welt immer seltener und zugleich immer wichtiger wird: Phantasie und Poesie.


Was fasziniert Sie am Schreiben?

Darüber könnte ich lange sprechen, aber ich nenne nur mal den Aspekt, der die größte Faszination für mich bedeutet: Es ist der atemlose Moment, in dem die Figuren und die Welt, die ich mir ausgedacht habe, zum Leben erwachen und mich mitnehmen auf ihr Abenteuer. Und die Möglichkeit, aus Worten und Gedanken Welten zu erschaffen und sie für andere Menschen bewohnbar zu machen, um die Leser dann verwandelt in ihre äußere Welt zurückzuschicken.


Mit „Grim – Das Siegel des Feuers“ ist Ihr erster Roman - selbstverständlich im Fantasy-Genre angesiedelt - erschienen. Ein Roman, der den Leser schnell in die Welt von Grim und Mia hineinzieht und bis zur letzten Seite fesselt. Wie sind Sie auf die Idee zu dieser Geschichte gekommen?

Wie bei den meisten meiner Geschichten war es auch bei GRIM ein Bild, das mich dazu brachte, die Geschichte zu erzählen: Eine düstere, steinerne Gestalt mit gewaltigen Schwingen saß auf einem hohen Gebäude und schaute über die Dächer des nächtlichen Paris. Im ersten Moment dachte ich, einen Engel oder einen Dämon zu sehen, doch als die Gestalt mir ihr Gesicht zuwandte und ich die Narbe über dem rechten Auge erkannte, wusste ich, dass ich einen Gargoyle vor mir hatte – oder mehr als das. Grim nannte mir seinen Namen und von diesem Moment an gab es kein Zurück mehr. Ich wollte seine Geschichte erfahren – und sie erzählen.


Wie lange haben Sie an dem Roman gearbeitet?

Etwa ein Jahr.


Die Hintergrundgeschichte von „Grim – Das Siegel des Feuers“ ist sehr umfangreich. Ob es nun die Vergangenheit der Gargoyles und Menschen ist oder die Vergangenheit und das Leben der einzelnen Figuren – hier ist alles wohldurchdacht und fügt sich ineinander. Doch wie haben Sie den Überblick behalten? Haben Sie Stammbäume, Charakterskizzen o.ä. angelegt?

Das Geflecht, das am Ende so klar und stimmig erscheint, ist am Anfang einer Geschichte nichts als ein riesiger Wollknäuel mit verknoteten Fäden, die ich nach und nach entwirren muss. Um da den Überblick zu behalten, lege ich meist bereits vor dem eigentlichen Schreibprozess verschiedene Dokumente an, in denen ich neben Charakterentwicklungen und Plotaufbau auch Dinge wie die Hintergründe und Mythologien meiner Welt festhalte. Wichtig sind hierbei auch die Entstehungsgeschichten der verschiedenen Völker und die gesellschaftlichen Strukturen, die in den unterschiedlichen Kulturen vorherrschen. Auf diese Weise kann ich auch Kleinigkeiten schnell abrufen und die Informationen im Text an der richtigen Stelle platzieren oder auch ändern, falls es während des Schreibens unerwartete Wendungen gibt und ich bestimmte Hintergründe abwandeln muss – und solche Änderungen gibt es ständig. Meine Vorarbeiten sind nicht in Stein gemeißelt – ich würde mir viele Möglichkeiten der Geschichte selbst verbauen, wenn ich alles von vornherein festlegen oder überraschende Wendungen nicht zulassen würde. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man so viel planen und strukturieren kann, wie man möchte – die spannendsten Kniffe, die interessantesten Figurenkonstellationen und Beziehungshintergründe ergeben sich meist erst dann, wenn die Figuren und die Geschichte selbst lebendig werden, und sie werfen mitunter die gesamte beschriebene Struktur über den Haufen. Das sind dann die Momente, in denen ich zeitweise tatsächlich den Überblick verliere, bis ich meine bisherigen Dokumente hinsichtlich der neuen Tatsachen abgeändert habe. Je tiefer ich in der Geschichte versinke, desto weniger greife ich allerdings überhaupt auf diese Hintergründe zurück, denn ab einem gewissen Punkt habe ich die Dinge so sehr verinnerlicht, dass ich keine äußeren Gedankenstützen mehr brauche.


Die Figuren in Ihrem Roman sind sehr farbenfroh und lebendig; sie verstehen es, das Herz des Lesers für sich zu gewinnen und ihn zu überraschen. Wie lernen Sie Ihre Figuren kennen? Erstellen Sie eine Checkliste oder führen Interviews mit Ihren Figuren? Oder stehen diese plötzlich vor Ihnen?

Eine Checkliste habe ich nie erstellt, das würde mir vermutlich auch nicht helfen. Ich habe noch nie einen Charakter sozusagen nach dem Baukastenprinzip geplant und könnte mir eine solche Vorgehensweise für meine Geschichten auch nicht vorstellen. Meine Figuren sind für mich lebendig, ebenso wie die Geschichte selbst, die einen Atem, einen Pulsschlag, eine Stimme hat, und bei aller Sachlichkeit und Struktur, die ich zwingend in meinem Schreiballtag brauche, ist für mich besonders die Entwicklung der Figuren in gewisser Weise ein magischer Prozess.
Manche Figuren sind mir vom ersten Augenblick an vertraut und fangen gleich an, sich weiter vorzustellen. Andere sind zurückhaltender und zeigen nur nach und nach ihr wahres Gesicht. Das Kennenlernen einer Figur hängt immer vom jeweiligen Charakter ab, ebenso wie von der Geschichte, die ich erzählen möchte. Mitunter entsteht eine Figur zeitgleich mit den Buchstaben, die ich zu Papier bringe, um sie darzustellen – dann beschreibe ich, wie sie in einer bestimmten Szene auftritt, genau so, wie ich es vor meinem inneren Auge sehe. So war es beispielsweise mit Remis. Andere Figuren wie Grim oder Seraphin sind als Bilder in mir aufgetaucht, und wieder andere haben sich erst zu Wort gemeldet, als die Geschichte beinahe schon fertig war, um größeres Gewicht zu bekommen oder mir ihren Charakter klarer zu machen.
Ich fertige zwar auch Skizzen bezüglich der Figurenentwicklung an, doch ich verwende sie meist nur in der Planungsphase der Geschichte – wenn überhaupt. Denn sobald die Figuren vollends zum Leben erwachen, kommen mir meine anfänglichen Pläne und Ideen von ihrem Charakter geradezu stümperhaft vor und mir wird immer wieder bewusst, dass die Figuren ihre eigenen Hintergründe am besten kennen und erzählen können. Keine Figur ist während des Schreibprozesses statisch oder abgeschlossen, sie entwickeln sich mit ihren inneren und äußeren Handlungen weiter, daher bin ich auch immer wieder überrascht, wie sie in gewissen Situationen reagieren – und dass sie mitunter meine ganze schöne Vorarbeit zur Handlung ad absurdum führen. Es ist mir sehr wichtig, eine Geschichte nicht von außen zu bilden, sondern ihr zu helfen, sich von innen zu entwickeln. Daher höre ich sehr genau auf die Stimmen meiner Figuren, und zwar nicht nur auf die meiner Protagonisten, sondern auch auf die der Neben- und Randfiguren. Denn natürlich wird der Text in erster Linie von den Hauptcharakteren getragen – aber um die Geschichte zum Leben zu erwecken, müssen alle Elemente sich voll entfalten können. Und da ist dann letztlich keine Figur wichtiger oder unwichtiger als eine andere.
Wenn die Figuren dann erst einmal zum Leben erwacht sind, kann ich mit ihnen umgehen wie mit realen Personen. Allerdings empfinde ich sie selten nur als eine Art Gegenüber, sondern vielmehr zumindest stückweise auch als einen Teil von mir, den ich selbst noch nicht kenne und mit dem ich dann in innere Zwiesprache trete. Vermutlich gilt für mich in diesem Zusammenhang, was Mia über sich selbst in der Geschichte sagt: Ich bin viele.


Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie beim Schreiben einhalten, beispielsweise eine feste Schreibzeit oder eine festgelegte Seitenzahl pro Tag?

Das hängt ganz stark von der Geschichte und von dem Stadium ab, in dem der Text sich gerade befindet. Während der Planungsphase brauche ich absolute Ruhe, da genügt ein Anruf oder ein ungeplanter Besuch und mein gesamtes Gedankenkonstrukt fällt in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Diese Anspannung verliert sich, sobald der eigentliche Schreibprozess begonnen hat, und entwickelt sich dann zu der Leidenschaft, die ich brauche, um die Geschichte angemessen zu erzählen. Rituale im engeren Sinne habe ich nicht, dafür aber mein Hund: Sobald ich mich an den Schreibtisch setze, rollt er sich neben mir zusammen und schläft.


War es schwer, das Manuskript bei einem Verlag unterzubringen?

Vermutlich kennen die meisten veröffentlichten und (noch) unveröffentlichten Schriftsteller die Schwierigkeiten bei der Verlagssuche, und auch ich habe mit ihnen Bekanntschaft geschlossen. Es müssen zahlreiche Kriterien erfüllt sein, damit es eine Geschichte in die Buchhandlungen schafft, und ich bin der festen Überzeugung, dass man dabei vor allem einen Faktor nicht unterschätzen sollte: das Glück. Ein Text kann noch so gut sein und alle anderen Aspekte erfüllen, die für eine Veröffentlichung nötig sind – wenn das Glück sich nicht dazugesellt, wird er dennoch nicht veröffentlicht werden. Das habe ich über viele Jahre selbst erfahren, und das war nicht gerade angenehm. Ich bin mir also sicher, dass auch das Glück seine Finger im Spiel hatte, als es nach einem Agenturwechsel zur Auktion um GRIM kam, bei der Lyx schließlich den Zuschlag erhalten hat.


Was war das für ein Gefühl, als Sie das erste Mal Ihr eigenes Buch gedruckt in den Händen gehalten haben?

Diese Frage kann ich leider noch nicht beantworten, da die Geschichte im Augenblick, da ich diese Zeilen schreibe*, gerade erst gedruckt wird. Aber ich bin mir sicher, dass es selbst für einen Schriftsteller ein unbeschreibliches Gefühl sein wird.


Arbeiten Sie bereits an einem weiteren Roman? Dürfen sich Ihre Leser auf eine Fortsetzung mit dem Schattenflügler Grim freuen?

Ja, gerade sitze ich an einem weiteren Abenteuer um Grim. Es wird ein Wiedersehen mit alten Bekannten geben, aber auch einige neue Figuren treten auf den Plan, und meine Protagonisten werden dieses Mal mit einem Gegenspieler konfrontiert, der die Welt in ihren Grundfesten erschüttert.


Herzlichen Dank für das Interview.

Ich bedanke mich.


*Das Interview wurde bereits im Januar 2010 geführt.

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