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FURIOUS LOVE ist eine wilde, verrückte Geschichte um Liebe, Lust und Leidenschaften im Japan der Edo-Zeit. In den Hauptrollen: der weltberühmte Künstler Hokusai, seine Tochter O-Ei und sein Epigone Sutehachi – der den großen Meister des Holzschnitts nicht nur künstlerisch überflügeln möchte, sondern auch den amourösen Verlockungen des Lebens nur allzu gerne erliegt…

LADY SNOWBLOOD-Zeichner Kazuo Kamimura entwirft in dieser fiktiven Geschichte nicht nur ein fröhlich unkeusches Sittenbild eines Künstlermilieus vergangener Zeiten – ihm gelingt zugleich auch das Kunststück, immer wieder Ausschnitte und Elemente historischer Holzschnitte in seine eleganten Zeichnungen einzubinden, ohne dass die dramatische Erzählung an Fahrt verliert.

Der Auftaktband des dreiteiligen Gekiga-Klassikers!

 

  Autor: Kazuo Kamimura
Illustrationen: Kazuo Kamimura
Verlag: Carlsen Manga
Erschienen: Januar 2010
ISBN: 978-3-551-79161-0
Seitenzahl: 368 Seiten
Altersgruppe: ab 16 Jahren


Die Grundidee der Handlung
In „Furious Love“ gibt es keine durchgehende Handlung, vielmehr erwarten den Leser lose zusammenhängende, wie an einer Perlenschnur aneinandergereihte Erzählepisoden aus dem historischen Japan während des Tokugawa-Shogunats, angesiedelt um die Jahre 1830-1840, deren Bindeglied der weltberühmte Holzschnittmaler Hokusai ist. Er zählte zu den wichtigsten japanischen Künstlern dieser Epoche, von seinen Landschaftsmalereien ließen sich sogar französische Impressionisten wie Van Gogh und Gauguin beeinflussen. Die Erzählungen werden von einem großen Figurenensemble angeführt und decken inhaltlich ein ebenso breites Spektrum ab. Sie sind sowohl feinfühlige Milieustudie und Sittenbild der Edo-Zeit (Edo=Tokyo), als auch erfrischende Prosa mit reichlich derbem und schrägem Humor, nicht zuletzt spitzzüngige Persiflage.

Um Kazuo Kamimuras scharfe Pfeilspitzen auf die damalige Zeit herauslesen zu können, sollte man aber ein wenig historisches Vorwissen mitbringen. So nimmt er beispielsweise auf Seite 74 mit viel Ironie den strengen Ehrenkodex der Samurai aufs Korn, die wegen geringsten Vergehen und Verstößen „Seppuku“ begehen mussten. Ebenso spiegeln sich die zur Edo-Zeit herrschenden, lockeren Sitten in den Geschichten wieder. Hokusai fertigte neben seinen Landschaftsbildern auch viele erotische Werke, die sein eifrigster Schüler Sutehachi natürlich nachzuahmen versucht – und was würde sich zur Inspiration besser eignen als der eigene Erfahrungsschatz, den es erst einmal zu sammeln gilt? Als weiteres Beispiel sei Kuma der Furzer angeführt. Er bekommt auf sein Geständnis, dass er seine Tochter an die Prostitution verkaufte, weil er dem Glücksspiel verfallen war, nur gelassen zur Antwort „Aber Kuma, das ist doch eine ganz alltägliche Geschichte…“ (nachzulesen auf Seite 345).

Wer von Kazuo Kamimura bereits „Lady Snowblood“ und „Shinanogawa“ kennt, wird sich hier  – nicht zuletzt aufgrund der Inhaltsangabe des Verlages – eine ebenso aufwühlende, dramatische und kompakte Geschichte erhoffen, doch diese Erwartungen werden mit „Furious Love“ nicht erfüllt. Wie ich schon sagte, mit gewissen historischen Vorkenntnissen kann man dem Manga durchaus Highlights abgewinnen, um sich gut und gleichzeitig anspruchsvoll unterhalten zu fühlen, ebenso sind ein paar skurrile Situationen dabei, über die ich lauthals lachen musste, doch an die Komplexität und Tiefe von Kamimuras vorangegangenen Veröffentlichungen reicht er inhaltlich mit seinen vielen einzelnen Momentaufnahmen, in denen auch öfter mal 'Handlungsleerlauf' herrscht, nicht heran.


Beurteilung der Zeichnung / Textdarstellung
Ich muss jedes Mal aufs Neue über Kazuo Kamimuras elegante, feingeschwungene und absolut zeitlose Zeichenkunst staunen, der überhaupt nicht anzusehen ist, dass sie schon mehr als 35 Jahre auf dem Buckel hat. Seine Figuren haben allesamt ein realistisches, asiatisches Aussehen (was ich hoch schätze), die Männer sind echte Charakterköpfe mit buschigen Augenbrauen, markanten Gesichtszügen und sehnigen, behaarten Beinen, die Frauen anmutige Schönheiten mit strengen Hochsteckfrisuren und natürlich wurden sie alle mit historisch authentischer Kleidung und Haartracht ausgestattet. Am meisten faszinierte mich aber in „Furious Love“, wie harmonisch Kamimura alte Holzschnittmotive Hokusais und anderer Künstler jener Zeit in die Geschichte einbindet. Dies sind sowohl Landschaftsbilder als auch erotische Motive. Nicht selten nehmen die eindrucksvollen Grafiken eine, wenn nicht sogar zwei Seiten ein. Auf diese Weise bietet sich häufig Gelegenheit innezuhalten und die Stimmung auf sich wirken zu lassen, bevor man weiterliest.

Die Sprechblasen sind vergleichsweise mit viel Text gefüllt, was aber beim Lesen nicht weiter beeinträchtigend ist, da Dialogszenen immer wieder im Wechsel mit reinen Bildstrecken stehen. Die Schrift in Großbuchstaben und klar angeordnete Panels begünstigen ebenfalls ein flüssiges Lesen.

Die Altersempfehlung des Verlages ab 16 Jahren kann ich eigentlich nur mit der Tatsache verbinden, dass der Manga dem Gekiga-Genre (inhaltlich anspruchsvolle Mangas für Erwachsene) angehört, denn die Erotikdarstellungen sind eher zurückhaltend und subtil, höchstens an den derben Witzen und Ausdrücken könnte man Anstoß nehmen. Ich denke, die 73-jährige Hauptperson Hokusai wird dem Durchschnitts-Teenager von vornherein wenig Anreiz zum Kauf bieten…


Aufmachung des Comics
Der Manga liegt mir in Klappbroschur vor. Auf der hinteren Innenklappe erfährt man in einem Kurzportrait mehr über den Autor, ebenso ist ein Schwarz-Weiß-Foto des leider viel zu früh verstorbenen Ausnahmekünstlers abgedruckt. Unterteilt ist der Band in insgesamt 14 Kapitel, mit jeweils schönen Kapitelillustrationen. Vor dem 1. Kapitel verschafft das Inhaltsverzeichnis dem Leser einen ersten Überblick, im Anhang befinden sich hilfreiche Anmerkungen zu diversen (historischen) Fachausdrücken und Namen, jeweils mit Seitenangaben. Schade fand ich allerdings, dass im Innenteil an den entsprechenden Stellen nicht auf das Glossar hingewiesen wird, so musste ich beim Lesen immer wieder - oft auch unnötig - hin und her schwenken, um keine Erklärung zu verpassen. 

Das optisch ansprechende Titelbild zeigt eine der weiblichen Hauptfiguren und vermittelt dem potentiellen Käufer einen guten Eindruck von Kamimuras zurückhaltendem, elegant-geschwungenem Zeichenstil. Auf der Buchrückseite ist eine Inhaltsangabe auf hellgrauem Grund abgedruckt.


Fazit
Da ich von Kazuo Kamimuras seitherigen Mangas eine komplexe, tiefgründige Handlung gewohnt war, rechnete ich natürlich am allerwenigsten mit einem episodenhaften, locker-leichten Erzählstil, gespickt mit reichlich Skurrilem, bissiger Ironie und ordinärem Witz. Die hervorragende Charakterzeichnung der Protagonisten, die oftmals schon auf wenig Raum gelingt, sowie die authentische Darstellung des historischen Hintergrundes nahmen mich allerdings schnell gefangen, so dass „Furios Love“ - auch im Hinblick auf die ausgezeichnete grafische Umsetzung - schließlich doch noch zu einem lohnenden, wenn auch nicht einzigartigen Leseerlebnis wurde.


4 Sterne


Hinweise
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