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Foto: Privat 


Hallo Frau Gunschera. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben.
Sie haben Innenarchitektur und Industriedesign studiert, arbeiteten viele Jahre in der Medienindustrie und sind nun als Managerin in einem IT-Unternehmen tätig. Wie sind Sie da zum Schreiben von Romanen gekommen?

Ich habe immer geschrieben, viel geschrieben – allerdings überwiegend vor technischem Hintergrund. Vorträge, Fachartikel und dergleichen. Auch das kreative Schreiben erwuchs letztlich aus einem fachlich motivierten Projekt, das zusätzlich aber etwas Fantasie und Fabulierkunst erforderte – ein Konzept für ein Computerspiel.

Das faszinierte mich, das pflanzte einen Keim. Ich steckte zunehmend mehr Zeit ins belletristische Schreiben, ich wollte das unbedingt. Die ersten Manuskripte habe ich für die Schublade geschrieben, aber das ist ja normal. Das waren Gehversuche.
Mit dem ‚dunklen Fenster’ ist das Schreiben nun fester Bestandteil meines Schaffens geworden. Der Weg dorthin war nie geradlinig und hat beinahe sechs Jahre in Anspruch genommen.


Was fasziniert Sie am Schreiben?

Der schöpferische Akt, neben anderem.
Wenn Sie schreiben, aus Sicht einer fiktiven Person, dann sind Sie selbst diese Person, müssen es sein. Sie erschaffen Figuren, und dann begleiten Sie sie ein Stück auf ihrem Weg und schreiben ihre Geschichte. Sie legen ihnen Hindernisse in den Weg, Herausforderungen, und helfen ihnen, die zu meistern. Sie lieben und hassen und leiden mit ihnen, Sie loten gemeinsam Grenzen aus. Und wenn Sie das letzte Kapitel schreiben, dann schmeckt es nach Abschiedsschmerz, weil Sie loslassen müssen.


Ihr erster veröffentlichter Roman ist „Das dunkle Fenster“, ein Polit-Thriller. Worum geht es in dem Roman?

Das ‚dunkle Fenster’ erzählt die Geschichte des Nikolaj Fedorow, Maler und Auftragsmörder, der durch einen Zufall in seinem Refugium in den libanesischen Bergen aufgespürt wird.
Bald heften sich Agenten des Mossad auf seine Fährte. Sie interessieren sich für seinen letzten Auftrag – einen spektakulär inszenierten Mord am jüdischen Politiker Rosenfeldt, der Friedensverhandlungen zwischen Israel und Palästina unwiderruflich beendete und dessen Hintermänner nie enttarnt werden konnten.
Die Ermittlungen der Israelis stören eine dritte Partei auf, die um jeden Preis zu verhindern sucht, dass Nikolaj dem Mossad lebend in die Hände fällt und Informationen über das Attentat und seine Auftraggeber preisgibt.
Schließlich eskalieren die Ereignisse, als Carmen Arndt auf die Bildfläche tritt – eine Frau, die Nikolaj vor vielen Jahren liebte, die er verraten hat und die nun für seine Jäger arbeitet.


Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen?

Mich faszinieren die Länder des Nahen Ostens, immer schon. Und mir gefiel die Vorstellung, einen Protagonisten zu erschaffen, der zwischen den Welten steht, der von Orient und Okzident gleichermaßen geprägt ist. So ist Nikolaj Fedorow entstanden, ein zwiespältiger Charakter, geboren im Beirut der sechziger Jahre als Sohn eines russischen Botschafters und einer libanesischen Intellektuellen.
Das Buch erzählt seine Geschichte, die Geschichte eines Mannes, der als Kind Maler werden wollte, und der zwanzig Jahre später der Killer ist, der Rosenfeldt erschießt und damit eine ganze Generation von Hoffnungen auf Frieden zerstört.  


Wie lange haben Sie an diesem Roman gearbeitet?

Insgesamt 13 Monate.


Ihr Roman spielt in Deutschland, Libanon, Zypern und Israel. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen? Waren Sie vor Ort?

Die Handlungsschauplätze in Deutschland und Zypern habe ich selbst besucht; den Libanon kenne ich von einer früheren Reise – jedoch nicht alle Orte, die ich im Roman beschrieben habe. Fehlende Informationen habe ich mittels Karten- und Photomaterial ergänzt, auch durch Kontakt mit lokalen Bewohnern. Das Internet hat da vieles vereinfacht. Ein Beispiel: Inzwischen betreiben viele der Klöster im Wadi Qadisha eine eigene Website; die Kontaktaufnahme gestaltet sich damit einfach. Der Libanon ist ein fortschrittliches Land, was das angeht. Bei Israel verhielt sich das ähnlich.


Welche Hindernisse mussten Sie überwinden, bis das Manuskript von einem Verlag angenommen wurde?

Ich habe Verlage angeschrieben und Ablehnungen erhalten, ich hatte einen durchaus fruchtbaren Austausch mit einigen Agenturen, ohne sie aber für eine Vertretung gewinnen zu können. Aber davon kann (fast) jeder Nachwuchsautor ein Lied singen. Man darf nur nicht zu rasch aufgeben. Manchmal findet sich wertvolle Kritik in den Absagen, die sollte man sich zu Herzen nehmen.
Letztlich hat mich ein persönlicher Kontakt zu meinem jetzigen Verlag geführt.
 

Wie hat Ihre Familie auf die Veröffentlichung reagiert?

Positiv, auf ihre Weise. Meine Familie ist da pragmatisch (lacht). 


Haben Sie bestimmte Rituale, die Sie beim Schreiben einhalten, beispielsweise eine feste Schreibzeit oder eine festgelegte Seitenzahl pro Tag?

Ich schreibe üblicherweise abends ab 9 Uhr bis Mitternacht und am Wochenende oft ganztägig. Darüber hinaus nutze ich Freiraum im Tagesablauf, z.B. auf Geschäftsreisen, rigoros für das Schreiben. Ich trage stets einen kleinen Laptop mit mir herum, oder zumindest ein Notizbuch. Diese Zeitnischen erweisen sich oft als extrem produktiv.
Mit Seitenzahl-Vorgaben pro Tag habe ich experimentiert, das funktioniert für mich aber nicht. Ich habe Tage, da schaffe ich fünfzehn Seiten am Abend, und andere, da bringe ich zwei Sätze aufs Papier. Allerdings setze ich mir selbst Deadlines für ein Manuskript, sofern sie nicht durch Verlag oder Agentur vorgegeben sind.


Planen Sie Ihre Romane erst bis ins kleinste Detail, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen oder schreiben Sie einfach drauflos?

Früher habe ich aus dem Bauch geschrieben, heute plane ich minutiös. Man ist einfach viel effizienter, man kann Schwächen im Plot ausmerzen, bevor man vierzig Seiten für den Papierkorb schreibt.
Natürlich ist das keine Garantie dafür, dass nicht eine Figur eigensinnig aus der Handlung ausbricht und sich ganz anders verhält als geplant. Das kommt trotzdem vor. Aber das macht das Schreiben ja auch so spannend. 


Arbeiten Sie bereits an einem weiteren Roman?

Ich arbeite an zwei Manuskripten – einem Nachfolger zum ‚dunklen Fenster’ und einem gänzlich anderen Projekt, über das ich zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht viel verraten kann.


Haben Sie neben Ihrem Brotberuf und dem Schreiben noch Zeit für Ihre Familie oder Hobbys?

Da es (noch) keine Kinder gibt, steht mir vielleicht mehr Freiraum zur Verfügung als anderen. Dennoch ist die Zeit beschränkt. Frühere Hobbys – Malerei, Computerspiele und Musik – sind in den letzten Jahren weitgehend auf der Strecke geblieben.
Da ich allerdings meinen Brotberuf ebenso wie die Schriftstellerei mit Leidenschaft betreibe, nehme ich das in Kauf.


Wie kann man sich einen Tag in Ihrem Leben vorstellen, wenn Sie an einem Roman arbeiten?

Nehmen wir einen Sonntag, meine Sonntage sind sehr produktive Tage.
Wir haben ein großes Arbeitszimmer, in dem ich einen riesigen Schreibtisch mit meinem Computer und jeder Menge Bücher- und Papierstapeln mein eigen nenne. Ich setze mich mit einer Tasse Kaffee direkt nach dem Aufstehen an die Tastatur und schreibe einige Stunden; oft kommt später mein Mann dazu, der selbst an seinem Rechner arbeitet. Entweder schreibe ich linear ein oder zwei Kapitel aus dem vorgegebenen Plot herunter, oder ich arbeite Detailrecherchefragen aus einer großen Liste ab – zum Beispiel ‚Wie fliegt ein Protagonist von Rom nach Damaskus? Fluggesellschaft, Flugzeiten, bestimmte Einschränkungen?’ Viel lässt sich über das Internet in Erfahrung bringen, manchmal münden die Nachforschungen auch in Buchbestellungen oder in einer Email.
Je nach Tagesform und Wetter gehe ich am Nachmittag noch mal für zwei oder drei Stunden an die frische Luft, dann arbeite ich noch einige Stunden am Manuskript.
Wenn ich merke, dass ich nicht vorankomme, drucke ich mir auch mal einen Stoß Seiten aus und ziehe mich damit zur Korrektur aufs Sofa zurück.


Was lesen Sie selbst gerne?

Vieles, quer durch alle Genres. Natürlich Thriller – Robert Ludlum, David Morrell, Daniel Silva unter anderem sind Autoren, die ich bewundere. Daneben auch Fantasy, und immer wieder gute Belletristik. Ich habe kürzlich ‚ Drachenläufer’ von Khaled Hosseini gelesen, ein wunderbares Buch.


Gibt es etwas, dass Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben möchten?

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Sagte schon meine Großmutter…


Ich danke Ihnen für das Interview.

Ich danke Ihnen!

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